Schlacht-Formation in der Ming Armee

Speere der Ming Dynastie – Teil 1 (3) – 王堡神枪 – „Der göttliche Wangbao Speer“

Wangbao Speer steht für Utensil und Waffenschule aus der Ming-Zeit. Seine Geschichte, Geografie, Verbreitung und Berührungspunkte zu anderen Kampfkunst Klans. Überlegungen zum großen 13er Speer im Chen Klan, dem Xingyiquan, Tradierungen im Li Klan und Begründer des Huleijia Taijiquan Li Jing Yan. Eine Betrachtung zum Ursprung im Militär aus dem zahlreiche Derivate der heutigen Zeit entsprungen sind.

Schlacht-Formation in der Ming Armee
Bild 1 Schlacht-Formation in der Ming Armee

Geschichte

Die Aufzeichnungen im alten 王堡拳谱 – „Wangbao Kampfkunst Register“ des Wang Klans besagen dass diese reine Waffenschule mit 王仲锦 Wang Zhong Jin (1610- ?) ihren Anfang genommen hat. Er lebte zum Ende der Ming Dynastie und erhielt die Speerkunst von 董秉乾 Dong Bing Qian/Gan (1580-1679) überliefert[1]. In der Überlieferungskette des Wang Klans wurden auch Außenstehende in diese Schule eingeweiht, welche die Verbreitung in andere Regionen begünstigte. Die Speer Schule ist vermutlich heute auch deswegen unter verschiedenen Namen verbreitet. Dazu werden folgende Bezeichnungen genannt:

  1. 王堡槍 – Wangbao Speer
  2. 董秉乾六合槍 – Der Speer mit den 6 Verbindungen von Dong Bing Qian/Gan
  3. 六合槍棍 – Der Speer und Stock mit den 6 Verbindungen
  4. 王堡六合神槍 – Der göttliche Speer mit den 6 Verbindungen von Wangbao
  5. 王堡神槍 – Der göttliche Wangbao Speer
  6. 王堡梨花槍 – Wang Bao Birnenblüten Speer
  7. 六合神槍 – Der göttliche Speer mit den 6 Verbindungen
  8. 董氏六合槍(王堡槍)– Speer der 6 Verbindungen des Dong Klans (Wang Bao Speer)
  9. 形意拳六合枪 – Der Speer mit den 6 Verbindungen im Form-Bewusstsein Boxen

[1] Autor 颜紫元 / 顏紫元 Yan Zi Yuan, Online Artikel vom 10.09.2012 – http://blog.sina.com.cn/s/blog_7841094d01018sgl.html,  5. Text – 据《王氏家谱》记载 – Nachweis zu den Niederschriften im „Wang Klan Familien Register“, Der Lehrer des Autors in der Wangbao Speer – Tradition ist 李正府 Li Zheng Fu.


Bekannte Familien Klans und Ihre Verbindung zum Wangbao Speer

Im 王氏家譜 Wang Shi Jia Pu – „Wang Klan Familien Register“ werden die Generationen des Klans aufgelistet. Darin enthalten befindet sich der Text „Einleitende Worte zum Ursprung des Wang Bao Speer“ vom 18.02.1787 aus dem folgendes Zitiert werden kann:

„Der Wangbao Speer beginnt mit der Überlieferung von meinem Vorfahren Herrn Wang Zhong Jin. Im Register steht dass die Speermethode gegen Ende der Ming-Dynastie von dem betagten Recht schaffenden Daoisten Dong Bing Gan her rührt. Er stammte von den 三聖祠 San Sheng Ci – „Die drei heiligen Ahnen (Gedenkhalle)“ [1] und dem 太極宮  Tai Ji Gong – „Tai Ji Tempel der Daoisten“, was östlich vom 千載寺 Qian Zai Si – „Dem Tempel der Tausend Lasten (Buddhistisch)“(im Englischen als Millennium Temple übersetzt)  gelegen ist. Die Heimat des alten Mannes war der Kreis 武陟 Wu Zhi wo Herr Dong auch seine Kindheit verbrachte. In dicker Schrift und aufrecht steht niedergeschrieben das er der Legende nach in der Zeit zw. dem 13.02.1580 und 31.01.1581 [2] geboren wurde. Er verstarb im Alter von 99 Jahren. Nach seinem Ableben befand sich das Grab des daoistischen Priester verborgen in der südöstlichen Gegend vom Dorf 王堡村 Wangbao. Bis heute ist das Grab dennoch erhalten geblieben. Der alte Mann trainierte militärische Übungen in denen er über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte, sowie 乃拳 Nai Quan – „Die Nai Kampfkunst“ und Speer- wie Stock-Methoden. Die Kampfkunst ähnelte den „13 Gesten“ und den „Weichen[3] Händen“. Den Speer und Stock nannte man „Speer und Stock der 6 Verbindungen“. Außerdem verfügte er über die Yin-Yang Theorie, kannte sich in den Künsten aus, hatte Austausch mit dem Militärwesen und war ein Kenner der Heilkünste. Er gab seine Fähigkeiten an eine Person die vom Dorf Wangbao her stammte weiter.


[1] Im Text folgt nun immer nur die Bezeichnung 三聖門  San Sheng Men, was ich nachfolgend ebenfalls als – „Die drei heiligen Ahnen (Gedenkhalle) übersetzt habe. Dem Tempel und der Verortung nach müsste es sich um das gleiche handeln. Vermutlich handelt es sich um einen Tempel der die Begründer der drei Lehren des Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus verehrt.  

[2] 明萬曆壬辰 Ming Wan Li Gang Chen -> bedeutet eigentlich zw. 13.02.1592 und 31.01.1593 – aber mit Schreibfehler verschiebt sich das Datum um 12 Jahre zurück und lautet 13.02.1580 und 31.01.1581

[3] Die Angaben des Autors bedürfen einer Hinterfragung! Im Text schreibt er 软手 Ruan Shou was dem neuzeitlichem Ausdruck – „Weiche Hände“ entspricht und so in alten Originaltexten mit Sicherheit nicht vorzufinden ist. Korrekt wäre der Begriff 柔手Rou Shou – „flexibel anmutenden Händen“ Denkbar. 软手 Ruan Shou ist ein Begriff der von Gu Liu Xin mit der Einführung moderner Kurzzeichen in den Sprachgebrauch einherkam.


Schild-Formation nach 羅拱辰 Luo Gong Chen
Bild 2 Ca. 1567 von Luo Gong Chen skizierte Schlacht-Formation mit langem Speer in der Ming Armee. Dieser Speer hatte eine Länge die zw. 4,3 bis 6m betragen konnte

Der Autor dieser Niederschrift 王安民 Wang An Min lebte vier Genrationen nach Wang Zhong Jin, also 107 Jahre nach Dong Bing Qian/Gan’s Tod. Es ist anzunehmen dass er auf Grundlage älterer Jiapu Dokumente seiner Vorfahren diesen einleitenden Text kompiliert hat. Die Quellen beginnen ab hier ins nebulöse abzugleiten. Im Text wird implizit darauf verwiesen das Dong Bing Qian/Gan im Ming Militär gedient haben muss. Dies ist nichts Besonderes, da zw. 1620 bis 1670, während des falls der Ming-Dynastie, die chinesische Gesellschaft extrem militarisiert war. Mit dem Ausbau der großen Mauer im Norden hatte die Ming Administration in den konfliktreichen Grenzregionen bereits bäuerliche Militär-Stützpunkte auf beiden Seiten der Grenzen angesiedelt. Diese Dörfer kann man heute noch meist anhand des Schriftzeichen 屯 Tun im Ortsnamen identifizieren. Dabei handelte es sich eigentlich um Soldaten die ihren eigenen Lebensunterhalt selbst und vor allem die Versorgung der Truppen vor Ort sicherstellten. Die Siedlungen stellten eine Pufferzone zu den eigentlichen Kampfaktivitäten der aufeinandertreffenden Truppen dar. Weiterhin waren sie wehrhafter als gewöhnliche Bauern gegenüber Banditen und Plünderern eingestellt. Nebenbei hatten die Bauern ihren Dienst in der offiziellen Ming Armee abzuleisten. Sie konnten niedere Offiziersränge erwerben die sogar vererbt werden konnten. Allerdings waren sie alle Leibeigene des Ming Militärs. Das Kalkül sah vor je mehr Söhne sie hatten desto mehr Nachwuchs stand dem Militär zur Verfügung. Mit dem Fall der großen Mauer flohen die Reste der Ming Armeen in Richtung Süden und versuchten ihren ehemaligen Dienst in der Ming Armee später zu verbergen. Somit versuchten viele dieser Militär-Bauern, welche gerade Vogelfrei wurden, auch in die Provinzen Shanxi, Shaanxi und Henan eine neue Bleibe und Identität zu finden. So wurde eine große Welle von militärischen Fertigkeiten und Wissen in die lokalen Familien-Klans durch Heimkehrer und Flüchtlinge gebracht. Sie bildeten häufig die Grundlage neuer Kampfkunst Systeme, ergänzten vorhandenes oder bildeten Symbiosen mit bereits existierenden Kampfkünsten. Das ist auch eine Erklärung dafür warum es in allen Kampfkunst Schulen Chinas heute immer Waffen wie Hellebarde, Säbel und Speer gibt. Aus der Geschichtsschreibung der Ming Dynastie existieren Niederschriften die darauf verweisen um welche Arten von Speer es sich dabei gehandelt haben könnte. Einmal das 紀效新書 Ji Xiao Xin Shu von General Qi Ji Guang (Bild 3), die Schriften des 武備志 Wu Bei Zhi (Bild 4) und die Aufzeichnungen von General 羅拱辰 Luo Gong Chen (Bild 2).


Ein interessanter Hinweis wird von Sinologen gegeben die einen Blog über das Ming-Zeitliche Militär publizieren. Hier gibt es eine Kategorie zu verlorengegangenen Kampfkünsten aus der Ming-Zeit. Daraus möchte ich folgendes, übersetzt, zitieren:

  • 河南鎗法 He Nan Qiang Fa – „Speermethode aus der Provinz Henan“ [1]

Es handelt sich vermutlich um eine Speermethode die sich auf 楊家鎗 Yang Jia Qiang – „Speermethode aus der Familie Yang“ bezieht. Die Besonderheit beim Speer der Familie Yang ist das ein schwerer Speerkopf (Spitze) benutzt wurde. 李克復 Li Ke Fu war sehr bekannt und nutzte diese Speermethode. Er war der Meister des ehemaligen Shaolin Mönch 程宗猷 Cheng Zong You, welcher darauf basierend seine eigene Methoden den 汊口鎗 Cha Kou Qiang – „fließendes/strömendes Tor – Speer“ entwickelte. Ming General 戚繼光 Qi Ji Guang kritisierte einst „Die Speerhandhabe ist ausgezeichnet, der Schwachpunkt liegt jedoch in der Schrittarbeit“. Wie auch immer seine Meinung war Cheng Zong You konnte diese Ansicht später wiederlegen.


[1] Quelle:  http://greatmingmilitary.blogspot.com/p/lost-or-mention-only.html – siehe unter „Lost or mention only Ming period martial arts“


Cheng Zong You entwickelte auch einen sogenannten Kriegs-Speer der sich in seiner Heimat bei einer selbst aufgestellten Bürgerwehr erfolgreich bewährte, wodurch die lokal kaiserliche Verwaltung auf ihn Aufmerksam wurde. Zum Ende der Ming-Zeit kann man also nicht nur den häufig rezitierten Speer Spezialisten General 俞大猷 Yu Da You und General Qi Ji Guang als die Autoritäten für die damaligen Speermethoden ansehen. Ihre Kompetenzen waren vorrangig auf eine rein militärische Nutzung Ausgerichtet. Cheng Zong You dagegen hatte praktische Kampfkunstüberlieferungen von Shaolin erfahren. Dies umfasste viele Stile und Waffen die hier konserviert bis zur Song-Zeit zurückreichten und weiterentwickelt wurden. Er hatte als Wander-Mönch viele Waffen aus dem Volk kennengelernt. Dazu gibt es in Kürze eine Publikation seiner Schrift „長鎗法選 – Eine Auswahl an langen Speeren“ von ca. 1620. Ein kurzes Preview zu den beschriebenen Speer-Derivaten daraus kann man bereits hier nachlesen.

Die Langen Speere aus den Militärformationen mit bis zu 6m Länge wurden später in den Kampfkunst Klans so nicht weitergeführt. Einerseits hätte man sich der neuen Qing Administration als Verdächtig und ehemaliger Ming Unterstützer zu erkennen gegeben. Andererseits waren kürzere Speere für das Studium und der Entwicklung der Kampfkunst meist in einer 1 zu 1 Konstellation angelegt. Wenn also ein Wangbao Speer mit 3m länge geführt wurde so hatte sich seine Länge im Vergleich zum ursprünglichen Militär Speer nahezu halbiert. Damit einher wurden auch neue Anwendungen und Taktiken im Speerfechten entwickelt. Fortlaufend kommen wir zurück zum Wang Klan Familien Register, worin weiter geschrieben steht:

 „Herr 王仲錦 Wang Zhong Jin stand durch Verwandtschaft[1] in Verbindung mit dem Klan der Familie Li aus dem 唐村 Dorf Tang. Er verkehrte häufig zwischen dem Dorf Tang, „Dem Tempel der Tausend Lasten (buddhistisch)“ [2], „Die drei heiligen Ahnen (Gedenkhalle)“ und dem „Tai Ji – Tempel (daoistisch)“. Früher war er bereits in der Zeremonie als Bai Shi – „formaler Meisterschüler“[3] von 博公 Bo Gong – „Herrn Bo“, dem daoistischen Priester, aufgenommen worden. Daneben gehörten auch der mächtige alte Großmeister 李春茂 Li Chun Mao und bekannte tugendhafte alte Dong Bing Gan dazu. Wang Zhong Jin und die alten Männer verstanden sich gut, ihre Freundschaft war tiefgründig. Dong Bing Gan war häufig Stammgast bei ihm zuhause. Das begünstigte ihn und es gab lange Ausführungen des Lehrers, gleichzeitig harmonierte das Miteinander und so wurde diese einzigartige Kunstfertigkeit weitervermittelt. So übte Wang Zhong Jin früher sorgfältig den Speer und Stock, die Kampfkunst-Fertigkeit, Geschick und Gewandtheit so damit alles von der Einen auf die andere Generation überliefert wurde.“ [4]


[1] Er war vermutlich mit einer Frau aus dem Li Klan vom Dorf Tang verheiratet

[2] im Englischen meist als „Millennium Temple“ übersetzt

[3] 拜師 Bai Shi

[4] Autor 颜紫元 Yan Zi Yuan, Online Artikel vom 10.09.2012 – http://blog.sina.com.cn/s/blog_7841094d01018sgl.html,  siehe 5. Text – 据《王氏家谱》记载 – Nachweis zu den Niederschriften im „Wang Klan Familien Register“, Absatz 1, Zeile 7



Demnach war also der erwähnte Großmeister Li Chun Mao aus dem Li Klan ein Gongfu – Bruder von Dong Bing Gan die gemeinsam von Meister Bo indem bereits erwähnten „Tai Ji – Tempel (daoistisch)“ ihre Künste, einschließlich die Tradition der langen Speer Handhabe, erworben hatten. Als Wang Zhong Jin die Speermethode überliefert bekam und im eigenen Klan weiter tradierte begann man vom Wangbao Speer zu sprechen. In den Aufzeichnungen des „Wangbao Familien Register“ ist als 1. Generation Dong Bing Gan verzeichnet und Wang Zhong Jin steht für die 2. Generation. Innerhalb des Registers im Wang Klan werden die Generationen unter der Überschrift „Die Überlieferungslinie vom „Speer der 6 Verbindungen“ (Wangbao Speer) aus dem Klan der Familie 董 Dong” aufgelistet. Hieraus stammen folgende Zitate:

Die 2. Generation:

王仲錦 (1610 – ?) Wang Zhong Jin stammt aus dem Kreis 河内 He Nei (heute 博爱 Bo Ai)  in der Regierungspräfektur Huai Qing Fu (heute 沁阳市 Qin Yang) und gehörte zu den Leuten vom Dorf Wangbao. …….

Er gilt als Urahne der Wang-Familien „Speer-Schule der 6 Verbindungen“ und bewahrte die Speermethode, welche von Meister Dong Bing Gan herstammt. ……..

Der Ur-Ahne der Wangbao Speermethode Wang Zhong Jin ist ebenfalls der Autor des Speer-Kampfkunst-Register. …….

Auf der Titelseite von zahlreichen Speer-Registern stehen immer die 8 Zeichen – 未成功器,勿名师门 Wei Cheng Qing Qi, Wu Ming Shi Men – geschrieben wo die ehrenwerten Meister die Maxime vertreten: „Wer das Talent unvollständig lässt, der verwirft die Schule seines Meisters“[2] . …….

Die Wangbao Speer-Methode ist häufig unter Bezeichnungen wie „Der göttliche Wangbao Speer“[3], „Der Wang Bao Birnenblüten Speer“[4] oder „Speer der 6 Verbindungen“[5] bekannt. Für den Speer mit den Wangbao Übungen benötigt man praktisch einen weisen Wachs-Stock[6] mit einer Basislänge von zwischen 2,475m bis 2,97m. Während des Üben ist es nicht immer erforderlich den „Speer Kopf“ mit dem was die Leute „Wangbao Speer-Spitzenschafft“ nennen aufzusetzen. Aus diesem Grund steht im Speer-Register außer der Bezeichnung Speer noch die Bezeichnung Stock. Dabei bedeutet „den Speer und Stock zu einer Einheit verbinden“, sowohl für Speer als auch Stock das gleiche.

Über die Generationen hinweg tauchen im „Wang Klan Familien Register“ viele Namen aus dem Li Klan auf, wobei auch der legendäre 李景彥 Li Jing Yan [8]  als Vertreter der 10. Generation in der Wangbao Speer Überlieferung genannt wird.


[2] Der Spruch bedeutet das dem Schüler ein ernsthafter Wille abverlangt wird die Fähigkeiten seines Lehrers erwerben zu wollen. Hinter Respekt und Hochachtung vor dem Meister steht ein praktischer Anspruch den es zu leben gilt.

[3] 王堡神槍 Wang Bao Shen Qiang

[4] 王堡梨花槍  Wang Bao Li Hua Qiang

[5] 六合槍   Liu He Qiang

[6] siehe Artikel „Bai La Mu: Das weiße Wachsbaum – Eschenholz“, Journal für chinesische Kampfkunst und Kultur, ISSN 2512-8124, Ausgabe 2018, Herausgegeben von der Forschungsgesellschaft GCT e.V. – kann hier bezogen werden

[8] 1825–1898, alias Name 李盾 Li Dun – Im Wangbao Register steht das er die Speerkunst von 王璋 Wang Zhang aus der 9. Generation überliefert bekommen hat. Er ist der Begründer des 忽雷架太极拳 Hu Lei Jia Taijiquan – „Taijiquan des Blitz und Donner Rahmen“.



Derivate in den Überlieferungsketten

Unweit des Wangbao Dorfes gibt es das bereits erwähnte Dorf Tang. Hier ist seit Generationen der Li Klan sehr dominant vertreten. Im „Familien Register des Li Klan“ [1] wird Li Chun Mao als Meister und Begründer der Kampfkunst „Aus dem nichts schlagende Fäuste“ [2] hervorgehoben. Dem Register nach unterrichtete er, ebenso wie sein Lehrer Herr Bo, seine Söhne 李仲 Li Zhong und 李信 Li Xin und deren Cousine 陳王廷 Chen Wang Ting aus dem Chen Klan in Chenjiagou. Dies soll aber interessanterweise nicht im „Tai Ji – Tempel (daoistisch)“, sondern in einem nahegelegenen „Dem Temple der Tausend Lasten (buddhistisch)“ [3] stattgefunden haben. Laut Untersuchungen von chinesischen Forschern ist diese Aussage bisher nicht haltbar, da im Register lediglich von einem Tempel die Rede ist und dieser nicht explizit „Dem Temple der Tausend Lasten“ zugeschrieben werden kann. Vermutlich könnte es aber einer der drei erwähnten Tempel gewesen sein, welche sich alle unweit voneinander befanden. Siehe dazu meinen Artikel „Kritische Anmerkungen zur neueren Taijiquan – Forschung“ (Teil 1) [4].

Nachdem Durchlaufen des Meister – Schüler Rituals zum Bai Shi unterrichtete Li Chun Mao an seine Schützlinge die folgend genannten Künste:

  1. 太極養生功 Tai Ji Yang Sheng Gong – Tai Ji – Lebenspflege-Übungen
  2. 十三勢拳 Shi San Shi Quan – Kampfkunst der 13 Gesten
  3. 箭 Jian – Pfeil [5]
  4. 十三勢 Shi San Shi – Die 13 Gesten
  5. 通臂功 Tong Bi Gong – Die in Verbindung stehenden Arme

Im Register steht darüber hinaus dass 李元善 Li Yuan Shan von seinem Vater Li Zhong folgende Überlieferung erhalten hat:

  1. 十三勢拳 Shi San Shi Quan – 13 Gesten Kampfkunst
  2. 劍 Jian – Schwert
  3. 槍法 Qiang Fa – Speer Methode

Bei der erwähnten Speer Methode muss es sich also um die zum Wangbao Speer verwandte Methode gehandelt haben, da sie bereits seit Li Chun Mao im Li Klan überliefert wurde. Vielleicht gab es schon geringe Abweichungen zum Wangbao Speer zu seiner Zeit. Diese könnten jedoch sowohl auf Veränderungen im Wang Klan als auch im Li Klan zurückgeführt werden. Eine Frage die offen bleibt.

Da Li Zhong mit seinen Brüdern und ihrem Cousine Chen Wang Ting Gongfu Brüder waren ist es höchstwahrscheinlich, dass der erwähnte Chen Wang Ting auch in der Speer Methode ausgebildet wurde. Insofern haben wir hier eine Möglichkeit wie der Große Speer bzw. die Verwandtschaft aus der Wangbao Speer Tradition, in früher Zeit, Einzug in den Chen Klan gefunden haben könnte. Demnach wäre eine Überlieferung vom Kreis 博爱 Bo Ai[6] in den südlich angrenzenden Kreis 温县 Wen nach 陈家沟 Chenjiagou erfolgt.

Da in den Register-Aufzeichnungen aus dem Li Klan kein eigenes Kampfkunst Register zur Überlieferung der Speer Methode existiert kann davon ausgegangen werden, dass die Überlieferung des „Wangbao“ Speers möglicherweise nach Li Chun Mao’s Söhnen unterbrochen wurde. Daher musste Li Jing Yan später erneut im Wang Klan einen Lehrer[7] aufsuchen um nach Register-Aussage „Teile / oder den Teil der Speere Kunst“ zu lernen. Dazu ist allerdings nichts genaueres bekannt. Den Namen Li Jing Yan konnte ich bisher in keiner Jiapu – Aufzeichnung ausfindig machen. Von seinem Wohnort 陈新庄 Chen Xin Zhuang sind es 26km bis zum Dorf 唐村 Tang, im Nordwesten wo der Li Klan am verbreitetsten ist. Chen Xin Zhuang wortwörtlich bedeutet soviel wie „neues Bauerngehöft der Chen Familie“. Er lebte dort völlig verarmt und war vermutlich als Gehilfe bei einer lokal angesiedelten Chen Familie sesshaft. Als Chen Qing Ping ihn dort antraf war er beschämt und wollte ihm aus der Misere helfen. Leider ist nicht bekannt ob Li Jing Yan oder seine Eltern dort bereits zuvor gewohnt haben. Wenn in den Familien der Vater starb so erbte gewöhnlich der älteste Sohn auch den Wohnsitz. Vielleicht gab es aber auch Gründe warum man den ältesten Sohn überging oder ihn gar als nicht existent erscheinen lassen wollte. In diesem Fall wäre der Sohn dann womöglich auch im Jiapu nicht erwähnt worden. Einer trug jedenfalls das Haupterbe. Die anderen erhielten vielleicht eine Mitgift und mussten sich woanders eine neue Existenz aufbauen. Aufgrund der geografischen Nähe zum Dorf Tang und einmal zwei Generationen zurückgerechnet ist es denkbar das Li Jing Yan’s Vater oder Großvater wesentlich näher oder direkt im Dorf Tang sesshaft waren. Somit würde sich auch hier eine denkbare Kette zur Überlieferung einer großen Speer Methode herstellen lassen. Es wurde gesagt das Li Jing Yan zuhause bereits Kampfkunst von seinem Vater erlernte. Dabei wurden zwar explizit kein Speer erwähnt, doch die Tatsache das überhaupt Kampfkunst übermittelt wurde lässt erahnen dass sie aus einer Li Familien Übertragung her resultierte.

Erwähnt sei an dieser Stelle das Li Jing Yan möglicherweise nicht nur von 陈清平 Chen Qing Ping, sondern auch durch Chen Xin’s Vater  陈仲甡 Chen Zhong Shen im Chen Klan Taijiquan unterrichtet wurde. In den Familien Chroniken – 陈氏家乘 Chen Shi Jia Sheng von 陈鑫 Chen Xin wird Chen Zhong Shen als Könner in der Speermethode erwähnt und wie er einen gefürchteten Banditenanführer zur Strecke brachte. Dies ist ein Indiz der darauf hindeutet, dass die Methode des Großen Speers im Chen Klan zu seiner Zeit noch beherrscht und unterrichtet wurde. Demnach wäre seit Chen Wang Ting bis zu Chen Zhong Shen eine Verwandte Wangbao Speer Methode im Klan existent gewesen. Li Jing Yan hätte sie allerdings auch von Chen Zhong Shen erlernt oder wenigstens Teile davon erhalten haben können. Dieser Hypothese kann man eine hohe Wahrscheinlichkeit zusprechen. Li Jing Yan lebte am Rand des Chen Dorfes in Chen Xin Zhuang ca. 1km von Chen Zhong Shen entfernt. Von seinem Zuhause in das Wangbao Dorf wäre ein Weg von ca. 12km zu überwinden gewesen. Nach Zhaobao Zhen sind es hingegen nur 3km.


[1] 《李氏家譜》 Li Shi Jia Pu

[2] 无极拳 Wu Ji Quan – siehe Online Artikel: http://www.historychina.net/wszl/xlxh/2006-01-12/29322.shtml, Begleitartikel über das „Register zum Klan der Familie Li“ Provinz Henan – Studien-Publikation vom 04.07.2005, Autoren: 王兴亚 Wang Xing Ya und 李立炳 Li Li Bing

[3] 千載寺  Qian Zai Si – Im Englischen als „Millennium Temple – Jahrtausend Tempel“ übersetzt.

[4] Siehe Artikel „Kritische Anmerkungen zur neueren Taijiquan – Forschung“ (Teil 1), Journal für chinesische Kampfkunst und Kultur, ISSN 2512-8124, Ausgabe 2018, S. 56, ab Zeile 11, von Jens Weinbrecht, Herausgegeben von der Forschungsgesellschaft GCT e.V. – kann hier bezogen werden –

[5] Handhabe und Herstellung von Pfeilen? Vielleicht gab es auch so etwas wie Pfeile die mit der Hand geworfen wurden? – Die genaue Bedeutung ist nicht sicher.

[6] Früher hieß der Kreis 河内 He Nei und gehörte zur Provinz Shanxi (Grenzgebiet zw. den Provinzen Henan und Shanxi)

[7] Laut Register lernte er Teile / oder dem Teil des Speers von 王璋 Wang Zhang


Regierungs-Präfektur 焦作 Jiaozuo
Bild 6: Die heutige Regierungs-Präfektur 焦作 Jiaozuo gehört zur Provinz Henan. Früher hieß die Präfektur 懷慶府 Huai Qing Fu. In der Ming- und Qing-Dynastie gehörte der Kreis Bo Ai zur nördlich angrenzenden Provinz 山西 Shanxi.

Man stelle sich vor einen 2h Fußmarsch nach Wangbao abzuhalten, anschließend zu Trainieren um danach wieder 2h zurücklaufen zu müssen. Was wiederum dagegen spricht ist, dass Chen Qing Ping in keiner Weise in Zusammenhang mit einem Großen Speer erwähnt wurde. Wenn er zusammen mit Li Jing Yan von Chen Zhong Shen unterrichtet wurde, wieso sollte ausgerechnet Chen Qing Ping nicht in die Methode des großen Speers eingewiesen worden sein? Denkbar ist das Li Jing Yan mehr Zeit für das direkte Training bei Chen Zhong Shen aufbringen konnte, da er fast vor der Haustür wohnte. Chen Qing Ping dagegen hatte seine Familie in Zhaobao 4km entfernt und war dort durch andere Verpflichtungen gebunden.

Alternativ kann ein Chen Wang Ting auch eine „13er Speer für die Schlacht“ Variante bei seiner militärischen Ausbildung in der Ming Armee erhalten haben. Da es keine Aufzeichnungen dazu gibt macht es wenig Sinn eine derartige Spekulation zu Verfolgen.

Die Verstrickung, der Kontakt und Austausch in der Überlieferung verschiedener Künste unter den Klans Dong, Wang, Li und Chen erscheint plausibel. Die Kreise ihrer Siedlungszentren grenzen unmittelbar aneinander. Dazu kommt das meist ihre Vorfahren alle Emigranten waren die einst über einer der Umsiedlungsperioden vom Kreis Hong Tong ausgehend hier ankamen. Es ist schon nahezu ausgeschlossen, dass man nicht durch Handel und Heirat miteinander zu tun gehabt hätte.

Dazu kam das Chen Zhong Shen und Chen Ji Shen gemeinsam eine Heimatschutz-Armee auf die Beine gestellt hatten und ab 1853 die Region gegen Nian Rebellen und Banditen erfolgreich zu verteidigten. In dieser Zeit war auch Li Jing Yan mit dabei [1]. Dadurch wurde viel Leid und Zerstörung über die Dörfer in den angrenzenden Kreisen vereitelt. Sie waren bekannt, wurden geschätzt und später sogar vom Kaiserhof ausgezeichnet. Im Vergleich zu heute herrschte in dieser Zeit ein viel größerer Zusammenhalt unter den Nachbardörfern. Eitelkeiten darüber wer eine Kampfkunst begründet hat oder nicht existierten nicht.

Die Wangbao Speer Methode wurde also über lange Zeit in vielen Dörfern der heutigen Präfektur Jiaozuo in der Provinz Henan überliefert. Das Zentrum der Verbreitung lag lange in den Dörfern des Kreises Bo Ai. Dies wurde vor allem durch die drei erwähnten Tempel nahe des Dorfes Tang begünstigt. Sie bildeten einen Anziehungspunkt oder Zufluchtsort für verfolgte und Emeriten aus den umgebenden Gebieten. Die Gegend gehörte seinerzeit zur Provinz Shanxi und nicht zu Henan. Flüchtige aus Henan konnten hier leicht untertauchen, da die Zuständigkeit der Vollzugsbeamten an der Grenze zur Provinz Shanxi endete. Heute ist die Waffenschule des Wangbao Speer vom Aussterben bedroht. Das Hauptproblem liegt in der Landflucht der jungen Menschen. Sobald sie in das erwerbsfähige Alter kommen zieht es sie in die Städte um Geld zu Verdienen. In den meisten Dörfern trifft man daher nur auf Kleinkinder und alte Menschen. Für die Region und ihren Wangbao Speer sind heute die alten Meister 李正府 Li Zheng Fu, 李泰祥 Li Tai Xiang und 李大壮 Li Da Zhuang bekannt.

Als Anlaufstelle in Europa zur Wangbao Speer – Waffenschule kann Meister Dietmar Stubenbaum und die Forschungsgesellschaft GCT e. V. kontaktiert werden.


[1] Siehe 陈氏家乘 Chen Shi Jia Sheng, die Familien-Chronik von Chen Xin, unter den Namen Chen Qing Ping und Chen Zhong Shen

Autor: J. Weinbrecht vom 02. April 2020





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