Minibild ich mit langem Speer

Speere der Ming Dynastie – Teil 2 (3) – Vergleich Großer 13er Speer im Chen Klan

Bild ich mit langem Speer

Vergleich Großer 13er Speer: Die Überlieferungen in geschriebener Form und praktischer Handhabung unterliegen Veränderungen. Verändert sich beides wird es schwierig Ursprünge zu Rekonstruieren. Verliert die praktische Handhabung ihre realistische Anwendbarkeit bleiben nur niedergeschriebene Überlieferungen. Hier finden sich mitunter griffige Schlagwörter wie 小拏 Xiao Na – „kleines Ergreifen“ die auf Gemeinsamkeiten hindeuten. Trotzdem verfängt man sich schnell in blumigen Spekulationen.

Der Vergleich zw. 王堡槍 – „Wangbao Speer“ als Waffenschule mit 陳氏太極十三大槍 – „dem Großen 13er Speer im Chen Klan“ gestaltet sich heute als schwierig. Der Wangbao Speer wird in der Basis in sogenannte 16 Straßen erlernt. Im Chen Klan gibt es diese nicht. Wie bei anderen waffenlosen Formen werden hier 13 Gesten gezählt. Die Namen dieser Gesten findet man auch vereinzelt in den waffenlosen Formen wieder (unten Bold – Kursiv!), welche in der heutigen Zeit 一路 Yi Lu – „Form der ersten Straße“ und 二路 Er Lu – „Form der zweiten Straße“  genannt werden. Das zeigt, dass es im Chen Klan einen Bezug zwischen Waffenhandhabe des 13er Speers und der Entwicklung der waffenlosen Box-Gesten gegeben haben muss. An dieser Stelle müssen jedoch noch weitere historische Überlegungen berücksichtigt werden.


 

Was die Yi Lu Form ist und was sie nicht ist

Der Vergleich Großer 13er Speer hat auch etwas mit der Yi Lu Form zu tun. Viele Schüler und Lehrer im Chen Taijiquan glauben, dass es sich bei der Yi Lu Form um eine alte traditionelle Form handelt. Man denkt das diese bis in die Zeit von 陳有本 Chen You Ben und 陳長興 Chen Chang Xing zurückreicht. In manchen Linien nennt man sie auch 老家一路 Laojia Yi Lu – „Form der ersten Straße nach alter Familientradition“, was diesen Eindruck verstärkt. Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit.

Bild Chen Ji Shen und seine Schriften von 1843

Der Name Yi Lu und die Bezeichnung Er Lu sind neueren Ursprungs. Sie weisen auf das Wirken von 顾留馨 Gu Liu Xin hin. Sie erblickten das erste Mal das Licht der Welt durch die frühen Bücher von Gu Liu Xin ab 1963 [1]. In China wurde damit das Chen Taijiquan in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. Bei dieser Gelegenheit etablierte er gleichzeitig einen Standard welcher von nun an durch staatliche Sportinstitutionen legitimiert wurde. Als Grundlage dienten Hilfestellungen die er sich bei 陳照奎 Chen Zhao Kui eingeholt hatte. Das staatliche Chen Taijiquan, sportlicher Prägung, basiert daher auf nur einer der vielen (heute genannt) 大架 Dajia – Linien, welche zu jener Zeit existierten. Die Vielzahl der Dajia Überlieferungslinien reduzierte sich bis in die 80er Jahre hinein erheblich. Dabei blieben viele Schüler ohne abgeschlossene Gongfu-Ausbildung zurück. Ihre Lehrer wurden in der Kulturrevolution, durch Hungersnöte oder Kampanien gegen die 4 alten Relikte in Umerziehungslager gebracht, inhaftiert oder verstarben durch andere Tragödien. Gu Liu Xin selbst stellt sich als 弟子 Di Zi – „enger Meisterschüler“ in der Tradition von 陳發科 Chen Fa Ke dar. Eine kühne Auslegung, wenn man weiß, dass er selbst nur zwei Mal bei Chen Fa Ke in Beijing gewesen war und nur wenige Male von Chen Zhao Kui unterwiesen wurde. Zu den anderen Dajia Linien hatte er keinen Kontakt. Er wusste auch dass es damals, zahlenmäßig eine große Dominanz an 小架 Xiaojia – Linien gegeben hat. Doch diese waren sehr Orthodox und verhielten sich Zurückhaltend gegenüber den Vertretern der Regierung. Für ihn war es unmöglich all diese chaotischen Eindrücke zu erforschen und einzuordnen. In Beijing forderte 毛泽东 Mao Ze Dong dass es nur ein Taijiquan geben dürfe was nur dem Namen nach als Kampfkunst erwähnt werden sollte. Also stand Gu Liu Xin politisch unter Druck und er entschied sich die Yi Lu einzuführen und die Paochui Form als Er Lu zu benennen. Als Basis für die Inhalte der Yi Lu wurden die Niederschriften zu den alten Boxformen aus der Xiaojia – Linie von 陳季甡 Chen Ji Shen, 陳鑫 Chen Xin und 陳子明 Chen Zi Ming[2] herangezogen. Hier existieren bis heute die einzig bekannten und ältesten Niederschriften zu den historischen Box Formen. Im He Manuskript findet man dazu die folgenden Formen die bereits 唐豪 Tang Hao erwähnte und andeutete das sie vermutlich von 陳王廷 Chen Wang Ting kompiliert wurden:

Chen Ji Shen – Schriften von 1843

Bild Chen Xin Schriften von 1929
  • 頭套錘 – 1. Faustsatz Serie, 60 gezählte Gesten
  • 二套錘 – 2. Faustsatz Serie, 15 gezählte Gesten
  • 三套錘 – 3. Faustsatz Serie, 24 gezählte Gesten
  • 四套錘 – 4. Faustsatz Serie, 25 gezählte Gesten
  • 又四套 –  noch einmal die 4. Faustsatz Serie, 48 gezählte Gesten
  • 小四套 – die kleine 4‘er Faustsatz Serie, 23 gezählte Gesten
  • 五套 –  5. Faustsatz – Serie, 17 gezählte Gesten

Chen Xin – Schriften von 1929

Bild Chen Zi Ming um 1932 mit der Geste 懒扎衣 Lan Zha Yi

Die Form 頭套錘 Tou Tao Chui weist die größte Ähnlichkeit zur heute bekannten Yi Lu Form auf. In ihr fehlen lediglich die Gesten 六封四閉 Liu Feng Si Bi und 金刚搗碓 Jin Gang Dao Dui. Die Geste Jin Gang Dao Dui taucht wiederum in keiner dieser 5 Formen auf. Gu Liu Xin hätte die beiden Gesten aus den Formen 跑錘 Pao Chui oder der 一百八勢長拳 Yi Bai Ba Shi Chang Quan – „108er Langfaust“ Form entleihen können. Laut Gu Liu Xin’s Tagebüchern hatte er 1958 von Chen Zhao Kui das Buch 太极拳图画讲义 Taijiquan Tu Hua Jiang Yi“ – „Veranschaulichendes Lehrmaterial zum Tai Ji Quan“ (später als Chen Shi Taijiquan Tu Shuo – „Kommentare zu den grafischen Erläuterungen zum Taijiquan des Chen-Clans“ veröffentlicht) von Chen Xin (seit ca. 1920 im Umlauf) bei ihm ausgeliehen.

Chen Ziming – 1932 Geste 懒扎衣 Lan Zha Yi

Daraus konnte Gu die beiden Gesten entnehmen. 1935 gab es noch das Buch 陳氏太極拳彙宗 – „Chen Taijiquan und Sammlungen der Vorfahren“ von 陳績甫 Chen Ji Fu. Unter chinesischen Forschern wurde früher bereits angemerkt das es zu 80% auf Inhalte von Chen Xin zurückgreift. Damit zeigt sich das Chen Xin zu jener Zeit auch in Dajia-Kreisen hohes Ansehen genossen hat, wodurch vielleicht auch Anpassungen in den Formen der Dajia-Fraktionen ausgelöst wurden. In den Büchern von Gu jedenfalls sind in der Yi Lu alle Gesten enthalten. Was man an seiner Arbeit durchaus auch als Fortschrittlich bewerten kann. Sie bildet im Wesentlichen eine Zusammenfassung aller im Chen Klan trainierten Gesten ab. Damit wird das Spektrum der 十三勢 Shi San Shi – „13 Gesten“ oder auch das 太極拳 Taijiquan insgesamt abgebildet. Eine Yi Lu wird daher von allen Fraktionen im Dajia als auch im Xiaojia erst seit der Zeit nach 1963 trainiert. Die Inhalte und Gesten die sie umfassen sind allerdings die gleichen wie sie in den oben erwähnten 7 Formen mehr oder weniger enthalten sind. Damit sind auch die in vielen Taijiquan Büchern dargestellten Abbildungen von Chen You Ben und Chen Chang Xing die jeweils eine eigene Yi Lu und Er Lu erstellt oder überliefert haben sollen Unsinnig, weil es keinerlei Beweise dafür gibt. Sie basieren auf einer These und Kreation von Tang Hao und Gu Liu Xin. In der Kampfkunst-Philosophischen Arbeit von Chen Xin wurden 64 Gesten gezählt, um der Assoziation zum Buch der Wandlung gerecht zu werden. Chen Xin hat dafür die Form 頭套錘 Tou Tao Chui mit 60 Gesten herangezogen. Werden hier Jin Gang Dao Dui und Liu Feng Si Bi hinzugefügt sind wir bei 62 Gesten. Fügt man noch eine vorbereitende Geste (das Taiji entspringt aus dem Wuji) und abschliessende Geste (das Taiji kehrt ins Wuji zurück) hinzu hat man das volle Spektrum erreicht. Gu Liu Xin hatte dieses Wissen also damals schon auf dem Serviertablet zur Verfügung.

In der Yi Lu Form gibt es heute für einige Gesten viele Namensvarianten und Bezeichnungen die voneinander abweichen. Wenn wir also die Gesten im Chen Taijiquan mit alten Gesten des langen Speers aus der Ming Zeit vergleichen ist es besser die Schreibweisen aus den alten historischen Formen heranzuziehen, weil diese noch keine Veränderung durch die moderne Entwicklung erfahren haben. Ein typisches Beispiel dafür wäre 中單鞭 Zhong Dan Bian – „die mittlere Peitsche“ was in der Yi Lu Form so nicht enthalten ist. Das erklärt im übrigen auch warum es im Yang Klan Taijiquan die Geste 金剛搗碓 Jin Gang Dao Dui – „der unbezwingbare Buddha Wächter stampft den Mörser“ nicht gibt. 楊露蟬 Yang Lu Chan hatte keine Pao Chui und auch keine 108er Langfaust Form vom Chen Klan überliefert bekommen. Weiterhin war somit auch eine alte Form der 13 Gesten aus der Ming Dynastie ohne Jin Gang Dao Dui ausgestattet. Jin Gang Dao Dui düfte daher eigentlich nicht zu den 13 Gesten dazu gehören. In der heutigen Yi Lu des Chen Taijiquan und auch in der von Chen Xin arrangierten 64er Form ist diese Geste jedoch enthalten.


Vergleich zweier Systeme des langen Speers

Im folgendem werden nun die beiden Systeme des langen Speers gegenübergestellt. Bei vorliegenden Gemeinsamkeiten werden die Gesten in der Auflistung Bold und Kursiv hervorgehoben.

陳氏太極十三大槍(桿) – „Der Große 13er Taiji Speer im Chen Klan“ [3] und seine Gesten

  1. 青龍出水 Qing Long Chu Shui            Der grünblaue Drachen steigt aus dem Wasser
  2. 童子拜觀音  Tong Zi Bai Guan Yin     Die Kinder verehren/beten den Buddha als Göttin der Barmherzigkeit an
  3. 餓虎撲食  E Hu Pu Shi                          Der hungrige Tiger stürzt sich auf das Mahl
  4. 攔路虎 Lan Lu Hu                                  Dem Tiger den Weg versperren
  5. 斜被 Xie Bei                                          Schräg abdecken
  6. 橫掃眉 Heng Sao Mei                           Waagerecht die Augenbraun zeichnen
  7. 並攔倒掛 Bing Lan Dao Gua                 gleichzeitig Blockieren/Abfangen und rück zu nach unten Aufhängen
  8. 中心如對 Zhong Xin Ru Dui                 Das Zentrum korrekt ausrichten
  9. 俊鳥入巢 Jun Niao Ru Chao                 Der hübsche Vogel betritt das Nest
  10. 面披背崩 Mian Pi Bei Beng                  Das Gesicht Abrollen und hinten zerplatzen
  11. 拖一槍 Tuo Yi Qiang                             (Herunter-)Ziehen und dem Speer folgen
  12. 黃龍三戰竿 Huang Long San Zhan Gan         Der gelbe Drachen lässt dreifach die Stange erzittern
  13. 懷中抱月 Huai Zhong Bao Yue             Im Zentrum vorstellen den Mond zu umfassen

王堡槍16路老纏譜 – Die 16 Straßen des alten Windens vom Wangbao Speer [5]

  1. 四棍痴            Si Gun Chi                   Die vier törichten Stöcke
  2. 二棍急            Er Gun Ji                     Die zwei eilenden/sich annähernden Stöcke
  3. 點棍上            Dian Gun Shang         Den Stock nach oben bringen um einen Punkt/Stich/Schnitt zu setzen
  4. 四 ?                  ?                                  Unbekannt?
  5. 鷂子出林搭袖攔路虎 Yao Zi Chu Lin Da Xiu Lan Lu Hu  Der Sperber kommt aus dem Wald heraus und versperrt mit dem Ärmeln dem Tiger den Weg
  6. 按進                An Jin                          Nach (Schräg)unten bringen und hinein schreiten
  7. 撿拿截砍         Jian Na Jie Kan          Einsammeln, Festhalten, Schneiden und Hacken
  8. 四封滾地手     Si Feng Gun Di Shou    Vier Siegeln und mit den Händen drehend zu Boden bringen (Die Geste 六封四闭Liu Feng Si Bi – “Sechs Siegeln Vier Schließen” gibt es in der ersten Hauptform im Chen Klan. Im Wangbao Speer sind mit vier siegeln die vier großen Gelenke, Hüfte und Schultern gemeint. Bei Liu Feng kommen zu den 4 großen Gelenken noch zwei weitere, die Fußgelenke, hinzu.)
  9. 左搭                Zuo Da                        Linksseitig antworten/Zusammenbringen
  10. 右搭                You Da                        Rechtsseitig antworten/Zusammenbringen
  11. 燙風老            Tang Feng Lao           brennender Wind mit Erfahrung
  12. 燙風嫩            Tang Feng Nen            brennender Wind unerfahren     
  13. 高路低纏-高低進取 Gao Lu Di Chan–Gao Di Jin Qu Die Straße von oben zum Boden zu winden – von oben und unten aus Vorwärtsstreben
  14. 腦後取寶         Nao Hou Qu Bao         Den Hinterkopf auswählen
  15. 槍閉眼            Qiang Bi Yan               Der Speer versperrt die Augen
  16. ? ? Unbekannt ?

Sieht man sich heutiges Video Material aus dem Chen Klan an so bekommt man nicht wirklich den Eindruck dass es sich um eine solide Waffenhandhabe bei dem Großen 13er Speer handelt. Dazu kommt das kaum Partnerübungen dazu bekannt sind oder darüber Publiziert wurde. Vermutlich ist es mehr ein Überbleibsel aus vergangener Zeit. Der praktische Nutzen wird sicherlich als eine Art Gongfu Übung verstanden. Mit dem Großen Speer lassen sich Körperkraft, Zähigkeit und die Verbundkraft 勁 Jin aufbauen. Mit etwas Aufmerksamkeit erkennt man einzelne Passagen, wie im Zeit Slot zw. 0:42 bis 0:47min, währennd des Zurückgehen die an eine Wangbao Speer Passage erinnern. Berücksichtigen muss man dazu, dass sich der Wangbao Speer in der heutigen Form mit Sicherheit über die Zeit hinweg verändert hat. Die Wangbao Speer Schule weißt Verwandtschaft mit dem Großen 13er Speer im Chen Klan auf. Doch ist diese Speerüberlieferung wie sie zur Zeit der Taiping Revolution[6] historisch aus dem Chen Klan erwähnt wird nur in wenigen Übertragungslinien rudimentär in die heutige Zeit gerettet worden. In den Schulen des Xingyiquan gibt es für den langen Speer die Bezeichnung 形意拳六合槍 Xingyiquan Liu He Qiang – „Der Speer mit den 6 Verbindungen des Form-Bewusstsein Boxen“. Die Wurzeln der Überlieferung werden hier ebenfalls im Umfeld der Wangbao Speer Schule festgemacht. Für einen Bezug zum Großen 13er Speer im Chen Klan spricht auch die geografische Nähe der Kreise 溫縣 Wen, 博愛 Bo Ai und dem 王堡村 Wangbao Dorf zueinander. Weiterhin wird ein langer schwerer Speer auch heute in einigen Yang Taijiquan Linien gepflegt. Ob Taijiquan oder Xingyiquan in beiden inneren Kampfkunst Schulen gibt es die verbreitete Vorstellung dass das Winden und Drehen, sowie die Verbundkraft Jin zwischen Körper und Speer die Grundlagen für die später herausgebildeten waffenlosen, inneren Kampfkünste darstellen. In den Untersuchungen zum Speer schreibt Tang Hao in seiner Schrift „Die Erforschung des Taijiquan“:

……….. Die meisten der Gesten aus den 7 Kampfkunst-Formen von Chen Wang Ting sind vom Namen her bekannt. Man kann erkennen wie und welche damals ausgewählt wurden. Die Partner-Übungen Tui Shou – „hörende Hände“ und “粘枪 Nian Qiang“ – „klebender Speer“ gibt es bereits bei General 俞大猷 Yu Da YouGeneral 戚继光 Qi Ji Guang,唐顺之 Tang Shun Zhi、程冲斗 Cheng Chong Dou、何良臣 He Liang Chen、茅元仪 Mao Yuan Yi und viele weitere Kampfkünstler die Mittelsmänner waren. Keiner von ihnen hatte jemals etwas niedergeschrieben. Von ihren Kampfkunst-Stilen war einiges übriggeblieben und wurde auch nicht als Drill-Methode praktiziert. Dies ist wiederum dem schöpferischen Erfolg von Chen Wang Ting zu verdanken. So kam es zur Entstehung des Taijiquan als eine eigenständige Kampfkunst-Schule die über ihre eigenen Wettbewerbs-Methoden verfügte.[7] …..

Tang Hao ging also davon aus, dass Chen Wang Ting den Speer direkt aus den militärischen Schulen seiner Zeit im Chen Klan eingeführt hatte. Die genannten Generäle aus der Ming-Zeit standen bereits um 1570 in der Blüte ihrer Zeit. Somit waren die Partner-Übungen Tui Shou – „hörende Hände“ und 粘槍 Nian Qiang – „klebender Speer“ zu jener Zeit militärisch bereits in Gebrauch. Ein Chen Wang Ting wäre in dieser Phase noch nicht einmal geboren gewesen. Tang Hao kam zu seiner Annahme, weil er seinerzeit glaubte Chen Wang Ting sei ein bedeutender General der Ming Armee gewesen. Später erwies sich diese Annahme jedoch als Irrtum. Ein Namens-Double in den historischen Schriften aus den kaiserlichen Archiven war der Auslöser. Den Schriftquellen aus dem Chen Klan nach hatte Chen Wang Ting eine militärische Prüfung zum Ende der Ming-Zeit absolviert. Deren Inhalte sind jedoch nicht dokumentiert und gesichert. In den Kreisanalen von Wen wird er 1641 als ein lokaler Kommandant erwähnt[8]. Es ist also eher wahrscheinlich, dass wenn Chen Wang Ting einen großen Speer praktizierte, dass dieser schon vorher im Chen Klan existierte oder Chen Wang Ting die Speer-Handhabung woanders erwarb und sie in den Klan einbrachte. Aus dem Chen Klan selbst gibt es keine belegbaren Informationen die Chen Wang Ting in irgendeiner Weise mit dem Großen 13er Speer oder einem „klebenden Speer“ in Zusammenhang bringen. Da es aber einen 長槍 Chang Qiang – „langen Speer“ in der militärischen Nutzung schon lange vor Chen Wang Ting gegeben hat ist es genauso denkbar, dass der militärische „lange Speer“, zuvor irgendwann, von jemand anderen in den Chen Klan gebracht wurde. Aus dem Chen Klan hatten viele Menschen in der Armee der Ming Dynastie gedient. In einer Stichprobe historischer Aufzeichnungen der Ming-Dynastie konnte ich für den Zeitraum zw. 1603 und 1644 den Familiennamen Chen für 71 verschiedene Personen in höheren Offiziersrängen ausfindig machen. Dabei wurden folgende Dokumente einbezogen:

  1. 明史 卷二百五十九 ‧ 列傳第一百四十七 – „Geschichte der Ming Dynastie“ (Auf kaiserliche Anordnung verfasst) – Rolle 259 * chronologische Folge Teil 147, von 萬斯同 Wan Si Tong
  2. 明實錄 – „Annalen der Ming Dynastie“
  3. 談 遷:國榷: (万历:天启年間有关陈王庭史料) – „Das Vermögen des Landes“
  4. 三朝遼事實錄:(有关陈王庭史料) – „Die Ereignisse der drei Herrschaft Häuser um die Region am Fluss Liao“, von 王在晉 Wang Zai Jin
  5. 溫睿臨: 《南疆逸史》– „Die inoffizielle Geschichte der Grenzen im Süden“ [9], von 溫睿臨 Wen Rui Lin aus der Ming-Zeit
  6. 《明史鈔略》(明)莊廷鑨 – „Kurze Ausführungen zur Geschichte der Ming Dynastie“, von 庄廷鑨 Zhuang Ting Long aus der Ming-Zeit

Diese Personen lebten also zur gleichen Zeit wie der Protagonist Chen Wang Ting aus 陳家溝 Chenjiagou. Würde man Personen aus dem Chen Klan vor und nach der Zeit von Chen Wang Ting einbeziehen wären wir sicherlich schnell bei 300 Namen. Selbst wenn von ihnen nur 1% aus der Gegend des Kreises Wen stammte, den Militärdienst überlebt haben sollten und anschließend in die Heimat zurückgekehrt wären so gebe es wenigstens 3 weitere Personen die militärisches Waffen-Knowhow zwischen der Ming- und Anfang der Qing-Dynastie in den Chen Klan gebracht haben können. Diese Feststellung zeigt wie fixiert Tang Hao gewesen war. Es genügt nicht seine Forschung lediglich auf eine Person festzulegen, vor allem solange keine erwiesenen biografischen Informationen vorliegen. Für die Recherchen all dieser Namen wäre die Unterstützung vieler Chen Klan Familien aus der Region des Kreises Wen notwendig, um in den Familien Registern Nachforschungen anzustellen. Da dies nach langer Zeit immer noch nicht stattgefunden hat stellt sich die legitime Frage, warum das eigentlich so ist? Eine Haltung des kollektiven Aussitzens legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass der Abstand zw. Medial verbreiteter Reputation und historisch belegbaren Fakten weit auseinandergehen würde. Für eine ersthafte Forschung dürfen wir daher weiter auf Unterstützung aus dem Chen Klan hoffen.


Zusammenfassung

Es gab viele Wege und Zeitpunkte die sich für die Einführung einer großen langen Speer-Waffe in den Chen Klan angeboten haben. Zum Vergleich Großer 13er Speer im Chen Klan gibt es die Basisübungen des 纏絲勁 Chan Si Jin – „Seidenfaden winden“ oder auch 纏絲功 Chan Si Gong genannt. Das Basisprinzip ist hier ebenfalls das Winden und Wickeln wie wir es ebenso im Wangbao Speer vorfinden. In meiner Übersetzung der Schrift 長鎗法選 Chang Qiang Fa Xuan – „Eine Auswahl an Speeren“ aus der Ming-Zeit von 程宗猷 Cheng Zong You[10] werden ebenfalls Terminologien wie 缠鎗 Chang Qiang – „den Speer winden“ usw. benutzt, was kein Zufall sein kann. Im Vergleich der beiden oben genannten Speer-Systeme kann man mit Sicherheit sagen, dass der Wangbao Speer die intaktere Variante der langen Speer Schulen darstellt. Als Speerstange wird in beiden Fällen das 白蜡木 Bai La Mu –„Weise Wachsbaum Esche-Holz“ eingesetzt.

Bild nach Cheng Zong You, die Geste - Der Grünblaue Drache zeigt seine Krallen –
Cheng Zong You beschreibt die Geste – Der Grünblaue Drache zeigt seine Krallen – das einhändige Stechen

Die Längenverhältnisse sind in etwa identisch und betragen ca. das 1,5-Fache der Körpergröße von der Person die den Speer führt. Die Länge wird auch daran gemessen dass man noch in der Lage ist die Stange mit einer Hand als Stich zu führen. Diese Technik ist in der alten Speerschrift bei Cheng Zong You ebenfalls erwähnt wo man sie als 青龍獻爪鎗勢 – „Der Grünblaue Drache zeigt seine Krallen – Speer Geste“ bezeichnet. In einem Artikel zur Übungsmethode des „Großen 13er Taiji Speer im Chen Klan“[11] wird zwar eine Maximallänge von 2,7m angegeben, doch ist es im Wesentlichen genau diese Anforderung auf die Bezug genommen wird. Nach dem Motto „back to the roots“ macht es jedenfalls Sinn für Taijiquan Praktiker die Wangbao Speer Schule ergänzend zu trainieren, um ein besseres Verständnis, sowie Anregungen aus der Wurzel heraus für die eigene Kampfkunst zu bekommen. Daher ist es kein Wunder, dass in insiderkreisen das Training des langen Speers schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden ist.


[1] 陈式太极拳 Chen Shi Taijiquan – „Chen Stil Taijiquan“, Autoren: 沈家楨 Shen Jia Zhen und 顧留馨 Gu Liu Xin, herausgegeben im Dezember 1963, vom 人民体育出版社 – „Volkssport Verlagshaus“, Shanghai

[2] Abschriften seiner Kampfkunst Register hatte er erstaunlicherweise nicht Tang Hao, sondern dem Feldforscher 徐震 Xu Zhen zur Verfügung gestellt. Vermutlich gab es mit Tang nach dem Besuch in Chenjiagou 1932 einen Bruch. Siehe Veröffentlichung 太极拳考信录 Taijiquan Kao Xin Lu – „Das Prüfen der Abschriften des Taijiquan“, Reprint 2006, ISBN 7-5377-2740-6, Verlag 太原: 山西科学技术出版社 / Tai Yuan: Shan Xi Ke Xue Ji Shu Chu Ban She

[3] Online-Quelle:  http://www.kmtjq.com/NewsDetail-4.htm

[5] Online-Quelle:   https://maricimuz.pixnet.net/blog/post/465266999

[6] 太平天國 Taiping Tianguo – „Himmlisches Reich des Großen Frieden“ war ein Aufstand zw. 1851–1864, der sich gegen die geschwächte Qing-Dynastie richtete. Sie wurde von dem Mystiker 洪秀全 Hong Xiuquan gegründet. Der Aufstand wurde vorwiegend von ethnischen Minderheiten getragen, welche sich unterdrückt fühlten.

[7] 太极拳研究 – „Die Erforschung des Taijiquan“, Volkssport Verlagshaus – Beijing 1964, Seite 10,1. Absatz, zweite Zeile, Buchnummer: 7015 * 1207, von: 唐豪 Tang Hao  und  顾留馨 Gu Liu Xin

[8] 太极拳术 – Die Kunst des Taijiquan, 顾留馨 Gu Liu Xin, S.370, Zeile 6 steht: ……. Die Person 陈王庭 Chen Wang Ting mit den Rängen Vizegouverneur und kaiserlicher Zensor/Inspektor stammte aus 卢龙县 dem Kreis Lu Long Xian in der Provinz Hebei. Aufgrund militärischer Niederlagen und Anschuldigungen wegen Rechtsverstöße versuchte er sich 1630 zu vergiften (Er überlebte mit dem Resultat, dass er danach ins Gefängnis kam, wo er auf Grund von Nahrungsmittelmangel verhungerte). Im 《温县志》 Wen Xian Zhi – „Analen des Kreises Wen“ gibt es die Schrift  “吴从海传” – „Die Überlieferungen von 吴从海 Wu Cong Hai“ wo Niedergeschriebenen steht: „1641 befand sich 陈王廷  Chen Wang Ting in der Garnison der Heimatschutz Soldaten, befehligte die Soldaten der Dörfer und schloss sich dem Kreis Magistrat 吴从海 Wu Cong Hai an um Vergeltungsschläge gegen die in den Städten herumstreifenden Banditen zu unternehmen.“ Ich (Autor Gu Liu Xin) danke den Leser (-Brief von 1964) vielmals für diese Anmerkung und Korrektur. Eigentlich habe ich vorgehabt eine Revidierung in den beiden Büchern vorzunehmen. Wegen den Belästigungen durch 林彪 Lin Bao und vier seiner Assistenten(Anführer einer Roten Garden-Fraktion in Shanghai 1966) und deren Einfluss war ich jedoch nicht in der Lage eine Zweite Ausgabe mit den korrigierten Fehlern zu veröffentlichen. Heute will ich, ohne Genosse Gu (nicht Gu Liu Xin), nach alter Tradition einspringen und die Fehler abschließend bereinigen. Jetzt sollen die Sachen klargestellt werden:陈王廷 Chen Wang Ting aus Chenjiagou hat zu Beginn der Qing Dynastie das Taijiquan begründet. Dieser hat nichts mit der Person 陈王廷 Chen Wang Ting die als Vizegouverneur und kaiserlicher Zensor erwähnt wurde zu tun.“

[9] Bezieht sich auf die Chroniken nach 1644 bis ca. 1667, auf die sogenannte im Süden verbliebenen Ming Dynastie Ambitionierten, welche sich aber letztlich doch der neuen Qing Dynastie geschlagen geben mussten

[10] Eine Veröffentlichung ist für Juni 2020 vorgesehen. Ein kurzes Preview zu den beschriebenen Speer-Derivaten daraus kann man bereits hier nachlesen.

[11] Online-Quelle:  https://kknews.cc/zh-my/fit/k4peqbp.html

Autor: J. Weinbrecht vom 10. April 2020






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