DVD Chen Li Qing Interview

Chen Li Qing rettet 108er Langfaust Boxen im Chen Klan

Chen Li Qing während des Interview
陈立清 Chen Li Qing (1919-2008)

Chen Li Qing steht für das 108er Langfaust Boxen und ist die erste Frau im Chen Klan, welche in der Meister Tradierung aufgenommen wurde. Damit steht sich nicht nur für den Beginn der modernen Zeit in China. Sie gehörte zu denen die als wahre Repräsentanten der Kampfkünste aus dem Chen Klan angesehen werden können. Von Kindheit an wurde sie sowohl im „Kleinen Rahmen“ als auch „Großen Rahmen“ des Chen Taijiquan ausgebildet, was für ihre Einzigartigkeit steht. Als Frau hatte sie es lange Zeit nicht leicht und wurde von manch einem Kollegen aus den Chen Familien nicht respektiert oder gar verspottet.

Chen Li Qing lebte später in 西安 Xi’An und hat übermenschliches geleistet. Letztendlich brachte das ihre Nörgler zum Verstummen. In ihrer Kindheit hatte sie in einem Gespräch unter den Erwachsenen mitbekommen das eine der frühesten und ältesten Box Formen, dass 108er Langfaust Boxen, im Klan verloren gegangen war. Als Kind setzte sie sich daraufhin in den Kopf diese Form des alten Chen Klan Boxens wiederzufinden. Während die männlichen Vertreter im Klan eher zur Desinteresse neigten schaffte sie es tatsächlich nach Jahrzehnten der Recherche fündig zu werden. Ab 1975 begann sie die alte Form des Boxens zu lernen und zu restaurieren. Anschließend nahm sie die Tradierung der 108er Form des Langfaust Boxens im Chen Klan wieder auf. Die Geschichte dazu wird hier, aus einem Interview mit Meisterin Chen Li Qing vom Jahre 2005 [1] in einer Kurzfassung wiedergegeben.


[1] Quelle: DVD – Set von 陈永福 Chen Yong Fu, Bezeichnung „陈氏长拳 108 式“, ISBN 7-88721-179-4, Interview mit Chen Li Qing – DVD Nr. 7


Geleitworte von 陈永福 Chen Yong Fu ihren Meister Schüler

Meister Chen Yong Fu bei einer Gedenkrede

Chen Li Qing wurde 1919 in dem Dorf 陈家沟 Chenjiagou geboren. 1926 folgte sie dem Vertreter der älteren Generation 陈德禄 Chen De Lu und lernte den Familienstil im „大架 Dajia – Großen Rahmen“. Später folgte sie Ihrem Vater 陈鸿烈 Chen Hong Lie, um den Familienstil im „小架 Xiaojia – Kleinen Rahmen“ zu erlernen[1]. Von ihrem außenstehenden Onkel 耿占魁 Geng Zhan Kui erlernte sie Säbel, Speer, Schwert, Stock, Doppelhacken und weitere Waffen der Familie Chen. Darüber hinaus lernte sie durch die älteren Generationen wie 陈鑫 Chen Xin, 陈椿元 Chen Chun Yuan, 陈发科 Chen Fa Ke, 陈克忠 Chen Ke Zhong und 陈照丕 Chen Zhao Pi, sowohl mündliche wie auch praktisch gelebte Persönlichkeiten als Vorbilder kennen.


[1] Stil Begriffe wurden von außerhalb des Chen Klan in Umlauf gebracht. Seit ca. 1980 hat man im Chen Klan begonnen diese Terminologie aufzugreifen um sich zu differenzieren. Bis 1935 waren Begriffe über Stile und Unterschiede nicht bekannt. Dies belegen alle verfügbar Schriftquellen bis zu jener Zeit.


Ab 1974 nahm Chen Li Qing an zahlreichen Landesweiten 武术 Wushu[1] – Leistungsvergleichen teil, wo sie sehr erfolgreich unter den ersten Plätzen Rangierte. Frau Chen Li Qing befasste sich ihr ganzes Leben hindurch mit Bildungsarbeit. In ihrer letzten Lebensphase mit über 60 Jahren verbrachte sie die Freizeit mit traditioneller Kampfkunst und wurde zu derjenigen die das Chen Taijiquan im „Kleinen Rahmen“ verbreitete und förderte bzw. einen großartigen Beitrag dazu leistete. Sie war die Großmeisterin ihrer Generation im Chen Klan. Das Chen Taijiquan basiert auf dem 108er Langfaust Boxen 陈氏108式长拳 Chen Shi 108 Shi Chang Quan von 陈王廷 Chen Wang Ting. Es schöpft sich aus der Essenz von verschiedenen Wushu – Stilrichtungen die man erstmals im Nachhinein zusammengestellt hatte. Bis in die 12. Generation der Familie Chen[2] gab es bereits wenige welche das 108er Langfaust Boxen erlernten. Seinerzeit gab es unter den Gefolgsleuten der Familie Chen die in dem 108er Langfaust Boxen sehr bewandert waren 郭永福 Guo Yong Fu (man sagt das sein Name in der 12. Generation der Familie auch 陈不浮 Chen Bu Fu lautete). Später folgte er seiner Mutter mit Familiennamen Guo 郭 und änderte den Namen in Yong Fu (Vermutlich ruft der Name durch die verwendeten chinesischen Zeichen von Chen Bu Fu im Klangbild eine ungünstige Vorstellung hervor, deshalb nahm er wohl lieber den Familiennamen seiner Mutter an oder eben aus dem im folgenden dargelegten Grund, um seine Identität zu verbergen.) Weil er mutig war und für eine gute Sache eintrat kam es dazu das er versehentlich jemanden tödlich verletzte und in die Gegend des Kreises 红铜县Hong Tong Xian[3] in die Shan Xi – Provinz flüchtete. So wurde die Tradition der Langfaust Kampfkunst dorthin überliefert. Nachdem ist sie in der Shan Xi – Provinz als 通背拳 Tong Bei Quan und im Gebiet der Provinzhauptstadt 太原 Tai Yuan wiederum als 无极缠拳 Wuji Chan Quan[4] benannt. Seitdem ist das 108er Langfaust Boxen im Chen Klan unter den Familienangehörigen nicht durchgängig weiter überliefert worden.


[1] Steht heute als Sammelbegriff für alle traditionellen chinesischen Kampfkünste und die im modernen Festlandchina vor allem für sportliche Fassetten verbreiteten Spielarten.

[2] im 17. Jahrhundert unserer Zeitrechnung

[3] Laut Google-Map existiert ein Kreis und Dorf Kerngebiet unter dem Namen 红铜村 Hong Tong Cun, ca. 200km Südöstlich von Provinzhauptstadt 西安 Xi‘An der Provinz 陕西省 Shan Xi Sheng gelegen

[4] bedeutet „Die Kampfkunst vom aufwickeln des Seidenfadens aus dem Nichts heraus“. 

Als der Forscher 唐豪 Tang Hao[1] 1932 nach Chenjiagou kam erkundigte er sich nach der 108er Langfaust Form der Familie Chen. Chen Li Qing’s Vater antwortete dazu, dass sie die älteste Art des Taijiquan ist und man weiß unter den Angehörigen der Familie, dass dazu angeblich Kampfkunstnotizen überliefert worden sind. Es weiß aber schon keiner mehr wie sie ausgeübt wird. Obwohl Chen Li Qing ein kleines Kind war und am Rande mithörte sagte sie plötzlich ohne zu überlegen   „Onkel Tang, wenn ich groß bin werde ich sie suchen und zurückbringen.“  Ihr Vater sah das Kind an, unterbrach sie, sein Gesicht senkte sich verärgert herab und sie verstummte. Tang Hao sagte sofort: Menschen können das Meerwasser nicht mit so einem kleinen Maß[2] vermessen. Wo möglich kann Chen Li Qing suchen und sie zurückbringen. Was Tang Hao damals sagte hatte sie äußerst tief beeindruckt. In den 50er Jahren des 20. Jahrhundert traf Chen Li Qing in 北京 Beijing Herrn 陈照奎 Chen Zhao Kui, einen Onkel aus Ihrer Familie und fragte ihn nach der 108er Langfaust Form der Familie Chen. Er sagte „die haben wir“. Aber auf die Frage nach seinen Kampfkunstnotizen zu dieser Kampfkunst konnte er leider nichts vorweisen. Sie bat ihm um eine Vorführung der Bewegungsfolge von der Langfaustform. Er sagte weder, dass er es kann als dass er es nicht könne, sondern blieb bis dahin Ausweichend. Im Jahre 1963 reiste Chen Li Qing nach 西安 Xi‘An und in die Stadt  宝鸡 Bao Ji [3] und traf sich mit dem Onkel der Familie, 陈金鳌 Chen Jin Ao. Von ihm erhielt sie die Kampfkunstnotizen zur Langfaust Form. Unverzüglich faste sie den Entschluss und wollte diese Box Form nun auch gut trainieren.


[1] Tang Hao ist ein Feldforscher der 1932 in Chenjiagou verschiedene Mitglieder der Chen Familien zu befragen. Seine Forschungsarbeiten waren revolutionär haben aber auch zu vielen Fehlinterpretationen geführt die leider bis heute noch nachwirken.

[2] 斗 Dŏu ist eine kleine Maßeinheit völlig ungeeignet, um große Mengen zu vermessen.

[3] Die Stadt liegt ca. 150km westlich von der Provinzhauptstadt 西安 Xi‘An der Provinz 陕西省 Shan Xi Sheng

In der Zeit während der Kultur-Revolution kamen mehrmals die roten Garden[1] zu Chen Li Qing’s Familie, um bei Ihnen mit großen Durchsuchungen nach „den kränklichen vier Alten“ [2] zu suchen. Eines Tages kamen wieder ein paar von „den roten Garden“ zu ihrer Familie, um das Inventar auszuschütten und zu durchwühlen. Ihre Durchsuchung war berechtigt, sie fanden aber nichts in den Zimmern. Chen Li Qing entdeckte dabei eine flach vergilbte Kampfkunstnotiz der Familie Chen über das 108er Langfaust Boxen. Dies geschah als sie sich soeben umgedreht hatte und die Notiz aus den aufgestapelten Büchern herausfiel. Sie schwebte auf den Boden herab und es wurde Ihr ganz eng ums Herz, aber sie beruhigte sich gleich wieder. Anschließend zeigte sie zum Innenraum. Mit lauter Stimme sprach sie zu ihnen „Wenn man wirklich Revolution machen möchte muss man gründlich sein. Unter meinem Bett gibt es eine alte Kiste, Schaut doch einmal wegen der kränklichen vier Alten hinein“. Sie wartete bis die Leute der roten Garde in den Raum gegangen waren. Sofort beugte sie sich eilig herunter und lass jene auf dem Boden liegende Notiz zu der Kampfkunst schnell auf. Sie steckte es in ein Mauseloch in der Wand Ecke. Danach achtete man darauf dass die Kampfkunst-Notiz nicht verloren ging. Sie fertigte heimlich über 70 Kopien durch schnitzen einer Wachs-Gravierung und anschließendem Druck an. Diese Notizen brachte man nach Chenjiagou wo man entsprechende Bekannte und vereinzelte Schüler hatte, um sie aufzubewahren. Im Herbst 1974 wurde in Xi‘An ein Landesweiter Wushu – Austauschkongress durchgeführt. Auf der Veranstaltung führte Chen Li Qing das Chen Taijiquan mit dem Doppel-Streitkolben vor und erhielt eine Auszeichnung. Das führte in der Wushu Szene dazu, dass sie große Aufmerksamkeit von den anwesenden Persönlichkeiten erhielt. Chen Li Qing wusste das der führende Vertreter für das Wushu der Shan Xi – Provinz Meister 许方庆 Xu Fang Qing persönlich kommt. Durch ihn kam Sie dort einen Schritt weiter, indem er das Gerücht von der Überlieferung der 108er Langfaust Form der Familie Chen in die Provinz Shan Xi bestätigte. Außerdem war Meister Xu ein praktizierender dieser Box Kunst, welcher diese in der Bezeichnung 通背拳 Tong Bei Quan führte. Chen Li Qing war überrascht und hocherfreut durch die unerwartete Erfüllung Ihres Wunsches. Sie folgte aufrichtig der Richtung von Meister Xu und richtete ihre Bitte an ihn die Anforderungen an diese Box Kunst erlernen zu dürfen. Meister Xu war sehr erfreut und gab seine Zusage. In den Winterferien des gleichen Jahres bekam Chen Li Qing eine Einladung vom lokalen Wushu – Kreis nach Tai Yuan, um ihr Chen Taijiquan zu unterrichten. Für Sie wurde eine Tee Party veranstaltet. Nach dem Teeplausch unterrichteten Chen Li Qing und ihre jüngeren Schüler auf der einen Seite Taijiquan und auf der anderen Seite verkörperte sie mit ihnen den wahren Menschen im zu Ende lernen des 无机缠拳 Wuji Chan Quan.


[1] Bezeichnet als 红卫兵 Hong Wei Bi, sie zogen als Mopp-Artige Gruppen durch das Land und zerstörten das Hab und Gut der Menschen, misshandelten sie, Kinder denunzierten ihre Eltern, wenn sie unter willkürlichen Verdacht gerieten etwas gegen Mao Ze Dong’s Richtlinien begangen zu haben. In dieser Zeit wurden vor allem Intellektuelle verfolgt, eingesperrt oder in Umerziehungslager auf das Land fernab in die Provinz geschickt.

[2] 破四旧 Po Si Jiu genannt handelt es sich um eine von zahlreichen Kampanien die während der Kulturrevolution durchgeführt wurden. Die vier zerbrechlichen alten waren von Mao Ze Dong willkürlich festgelegt traditionelle Dinge aus der Kaiserzeit oder bürgerlichen Charakters. Sie änderten sich je nach gut dünken.


O-Ton von Chen Li Qing

Chen Lio Qing während des Interviews

Von da an habe ich in kürzester Zeit diese Box Form erlernt. Letzten Endes wollten wir schnellstmöglich die Langfaust Form erlernen und zurückbekommen. Nachdem ich zurückkam waren die Kinder schon nachhause zurück gekehrt. Und ich begann sofort zu üben, denn ich hatte Angst etwas vergessen zu können. Ich erinnere mich daran dass wir in unserer Taijiquan Schule mit dem lernen beginnen wollten. Genau in dieser Situation verabredete ich mich jedoch mit Meister Xu Fang Qing. Am zweiten Tag des neuen Jahres wollte ich von Tai Yuan in den Kreis 洪洞县 Hong Dong vorbeikommen, um mich mit Meister Xu Fang Qing zu treffen. Am Ende war der Grund eine schwere Krankheit (Beriberi) der Füße, weshalb ich nicht hingehen konnte. Deshalb kam ich nach Xi‘An. Aber Meister Xu gegenüber hatte ich ein schlechtes Gewissen. Eigentlich wollte ich zuerst nach Tai Yuan und danach in den Kreis Hong Dong gehen, um mit Meister Xu Fang Qing die Kampfkunst zu studieren, aber der Plan scheiterte. Ich suchte die Kampfkunst, die Schwierigkeiten in dem ganzen Prozess des Suchens, des Lernens und Verbreitens. Vielleicht kann ich das nur selbst erfahren? Bis dahin habe ich noch niemals so eine wohlriechende Fleischgefüllten Teigtaschen in der Reissuppe gegessen, das schmeckte so gut. Lehrer Xu sah dass es mir sehr schmeckte. Lehrer Xu zeigte zu mir mit dem Finger und sagte man soll nur 60% essen, das genügt um satt zu werden. Ich hatte aber, entgegen dem Meister, 70% gegessen. Der Lehrer schüttelte den Kopf. Ich hatte ein guten Gefühl zu meinem Lehrer bekommen. Es war eine sehr vertrauliche Lehrer-Schüler–Beziehung. Lehrer Xu’s Vater behandelte mich genauso wie ein Vater, deshalb bedanke ich mich sehr und respektiere ihn von ganzem Herzen. Daher war ich vor dem Meister immer wie ein Kind.

Lehrer Xu lehrte mich die Box Kunst. Ich lernte in der mittleren Wohnhöhle[1] bei Meister Xu. In jenen Wohnhöhlen verlor ich immer die Himmelsrichtungen Osten, Süden, Westen und Norden und konnte nichts erkennen. Meister Xu sagte zu mir der Lehrer hat dir doch gesagt wo sich Osten, Süden, Westen und Norden befindet. Damals, weil ich eiligst die Kampfkunst studieren wollte habe ich keine Aufmerksamkeit darauf gelegt. Und als Lehrer Xu weg ging wusste ich nicht mehr wo Osten, Süden, Westen und Norden liegt. Einmal habe ich Lehrer Xu gefragt. Onkel Xu woher wissen wir in der Wohnhöhle wo sich Osten befindet? Ich sagte dass mir die Richtung immer unklar ist. Meister Xu sagte ich habe es dir bereits schon gesagt. Wie kannst du das als Schülerin nur gleich vergessen, wenn du dem Lehrer ebenwürdig sein willst? …. Onkel Xu sag es doch noch einmal! Lehrer Xu sagte: Vor deinem Gesicht befindet sich Osten und jener rechte Arm entspricht Süden. Gut, Onkel Xu, du kannst dich weiter mit deiner Sache Beschäftigen ich kenne die Richtungen. Als er mich verlassen hatte hob ich ein Stück Erdklumpen vom Boden auf und schrieb mir gegenüber das Schriftzeichen für Osten und ein Zeichen für Süden auf. Mit diesen beiden Zeichen habe ich Klarheit bekommen. Daraus folgt dem Osten gegenüber liegt Westen und dem Süden gegenüber befindet sich Norden. Danach begann ich mit dem weiterüben.


[1] Im Löß-Plato der Shan Xi – Provinz leben die Menschen unter der Erde in Aushöhlungen.

In 太原 Tai Yuan lernte ich von Meister Xu’s Enkelschülern. Hier angekommen zeigte ich vor Lehrer Xu was ich gelernt hatte. Lehrer Xu sah es sich an und es fehlte etwas. Ich hatte noch nicht präzise genug geübt, weshalb er mich korrigieren wollte. Das brachte ihn große Schwierigkeiten beim Unterweisen, weil in Tai Yuan lernte man die Choreografie äußerst gewissenhaft. Man lernte sehr fixiert und wahr im Kopfe sehr festgefahren. Deshalb konnte Karte Kreis Hong Tong in der Provinz Shanxiich während der Korrektur bei Lehrer Xu die neuen Bewegungen nicht im Kopfe behalten, weil das alte immer noch da war. Deshalb war in den paar Tagen des Lernens das neue noch von dem alten beeinflusst. Später dachte ich das Buch kann man in die entgegengesetzte Richtung lesen und lernen. Ist es denn möglich dass ich die Kampfkunst nicht überwinden kann? Ich dachte als ich zum Lernen in Tai Yuan war bestand das 108er Langfaust Boxen aus 9 Abschnitten. Man nennt diese Abschnitte auch einen Satz oder Takt[1]. An die ersten Sätze kann man sich erinnern. Je weiter man kommt desto weniger Zeit hat man, deshalb musste man schneller lernen und viel lernen. Es scheint das die später erlernten Sachen nicht so solide sitzen. Deshalb lernte ich jetzt in umgekehrter Richtung. So begann ich vom 9. Abschnitt an zu lernen. Gegen Ende der Sommerferien musste ich zu jenem Zeitpunkt Lehrer Xu verlassen. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich bis auf den ersten Abschnitt alles gelernt, deshalb sagte ich mir. An der Haltestelle von Kreis Hong Dong gibt es am Bahnhof einen Platz. Ich hatte Angst dass ich das auf dieser Pilgerreise gelernte vergessen konnte. Deshalb sagte ich mir sprich mit Lehrer Xu’s Neffen und meinen jüngeren Gong Fu Bruder das sie mich korrigieren. Dann kam der Zug und ich stieg schnell ein und so kam es das die Box Form erlernt wurde. Während ich wegfuhr, vor der Abreise, schaute ich mir viele Fotos bei meinen älteren Gong Fu Bruder 许风山 Xu Feng Shan an. Auf den Fotos waren alle zusammen und da gab es einige gute Fotos. Aber bei Lehrer Xu Fang Qing ’s zuhause gab es kein einziges Foto. Ich sagte ich will eine Erinnerung hinterlassen. Damals überlegte ich mehrmals was man für Lehrer Xu hinterlassen könnte. Meister Xu Fang Qing ’s gesellschaftliche Stellung. Deshalb habe ich vor meiner Abreise einen Brief an den Fotoladen vom Kreis Hong Dong geschrieben und bat sie mir einen Fotoapparat in das Dorf 辛南村 Xin Nan Cun[2] mitbringen zu lassen, um dem Lehrer ein Andenken zu hinterlassen. Folglich antworteten die anderen mit ja und der Fotoladen nahm alle großen als auch kleine Fotoapparate mit. Ich sagte den in Lehrer Xu’s Umfeld befindlichen Schülern und Enkelschülern Bescheid das sie sich zusammenfanden und so konnte ich schnell dem Lehrer zwei Erinnerungsfotos übergeben und war anschließend zufrieden nachhause gekommen. Während des Lernens, sowohl bei Meister Xu, als auch bei mir in der alten Heimat wurde mir nun klar das es nicht gut ist wenn sich die gleiche Kampfkunst in zu viele verschiedene Schulen zersplittert. Der politische Einfluss hinsichtlich des nationalen Sportes im Bereiche des Wushu, jeder hat seine eigene Politik und macht seine eigene Form. Deshalb ist es für mich doch  ein schwieriges Bildungssystem, oder? Wenn ich die Kampfkunst überliefere muss ich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Fraktionen zerschlagen, weil es nicht gut ist. Ich halte es für schlechte Bräuche und denke dass die Kraft einer einzelnen Person begrenzt ist. Ich meine, ich möchte dieses 108er Langfaust Boxen unterrichten, so dass andere Leute mit mir zusammen lernen können. Die Sache gemeinsam in Erinnerung rufen und gemeinsam untersuchen. Nachdem ich die Kampfkunst wiedererlernt hatte, waren manche in unserem Dorf Chenjiagou, nicht die alte Generation, sondern diejenigen von meiner Generation, die etwa über 50 Jahre alt waren und im gleichen Alter wie ich oder acht bzw. zehn Jahre jünger als ich waren. Jene verstanden die Wichtigkeit dieser Kampfkunst und Kulturerbschaft nicht. Sie verspotteten mich sogar, da ich diese Box Kunst erlernt und zurückgebracht hatte. Einer von ihnen war in derselben Generation wie ich, er gehörte auch zur Chen Familie in der 19. Generation. Er sagte mir sehr unhöflich Worte. Er sagte, dass ich diesen Abfall erlernt und zurückgebracht hätte. Damals war ich besonders Empört darüber. Ich finde wenn die Nachkommenden Kinder der Familie Chen das nicht können dann solltet Ihr das erlernen. Die Kinder welche das nicht können sollten das von der älteren Generation aus unserem Dorf lernen. Sie können auch bei den Schülern der älteren Generation das Taijiquan der Familie Chen lernen, um reichhaltige Kenntnisse für sich selbst zu bekommen. Ich nahm den Aufwand für die Kampfkunst mit großer Mühe und körperlicher Anstrengung auf mich. Nachdem ich die Sache wieder zurückbekommen habe wurde letzten Endes sogar geklatscht das ich Abfall erlernt und zurückgebracht hätte. Damals war ich besonders Empört darüber. Diese Redensart war für mich nicht zu verstehen und ich geantwortete:      „Alle die die sagen dass ich Abfall zurückgebracht hätte und meinen es ist Abfall, denen muss ich aber sagen dass diese Kampfkunst ein wertvolles Kulturelles Erbe ist, die man mit Geld nicht kaufen kann. Ich sagte Leute der Chen Familien, ihr habt euch niemals auf die Such begeben und solltet ruhig sein. Ich habe es gefunden und zurückgebracht aber Ihr redet diese unsere Bande zerteilende Worte. Deswegen will ich diese Kampfkunst unbedingt unterweisen. Wenn irgendjemand von Euch das Chen Taijiquan befürwortet, und die Absicht hat diese Kampfkunst zu erlernen, ich unterrichte jeden. Dieses Kulturelle Erbe sollten wir so handhaben das wir es fortführen wollen. Wie kann man dieses Erbe nur Verleumden und abwerten.“     Nachdem ich zurückgekommen bin ah, wem habe ich damals unterrichtet? Meinen Schüler 顾家林 Gu Jia Lin und meinen Enkel 原大刚 Yuan Da Gang. Ich dachte mir ich unterrichte nur die beiden und die anderen unterrichte ich nicht. Gu Jia Lin übte sehr gut und war sehr fleißig. Am Ende übte er wegen seiner Arbeit nur noch selten diese Kampfkunst. Und von seinen Ergebnissen hat er viel vergessen. Ja und mein Enkel übte sehr gut. Während ich ihn unterrichtete, hier möchte ich meinem Ehemann 原立仁 Yuan Li Ren besonders danken. Als ich meinen Enkel das 108er Langfaust Boxen unterrichtete zeichnete mein Mann, während des gesamten Verlaufes wo mein Enkel geübt hatte, alles in Bildern auf. Deshalb wurde gesagte das mein Mann eine großartige Leistung vollbracht hat. Nachdem mein Enkel erwachsen geworden war schickte ich ihn in die Armee. Jetzt befindet sich mein Enkel noch immer bei der Armee und nun übt er recht wenig. Deshalb habe ich gedacht wo soll nun diese Langfaust Form verbleiben? Wie habe ich sie nur beibehalten? Zuerst erzähle ich wie die Sache bei mir gelaufen ist. Mein Mann hat die Übungen der Langfaust Form aufgezeichnet und Kommentiert, weil der Enkel geübt hat. Das ist die Sache bei mir selbst.


[1] Auf Chinesisch 拍子 Pai Zi genannt

[2] liegt ca. 8km Nordwestlich vom Kreis-Kerngebiet, mit Doppelname ebenso als 洪洞县 Hong Tong Xian bezeichnet

Nachdem ich im Jahr 1975 mit der alten Box Form zurückgekommen war war Herr 顾留馨 Gu Liu Xin, eine Berühmtheit im damaligen China. Er war informiert dass ich die Box Form erlernt und zurückgebracht hatte. Danach hat Gu Liu Xin zusammen mit anderen Stellen in Shanghai’s Wushu – Kreisen mich nach Shanghai eingeladen, um das 108er Langfaust Boxen der Familie Chen zu unterrichten. Herr 洪均生 Hong Jun Sheng und Gu Liu Xin vereinbarten mich nach 济南 Ji Nan einzuladen. Als ich danach kam brachte man so die Langfaust Form nach Ji Nan, 青岛 Qing Dao und zu weiteren Orten. Diese Langfaust Form übte ich täglich. Später kam es auf Grund des hohen Alters dazu die Langfaust Form nicht mehr richtig üben zu können, deshalb habe ich auch viel vergessen. Aber ich habe doch einen Nachkommen, mein Neffe Chen Yong Fu unterrichtet und die Form weitergegeben.


Im August 2002 wurde ich das zweite Mal zum Jahrestreffen für Taijiquan vom Komitee der Regierungspräfektur 焦作 Jiao Zuo eingeladen. Dort bekamen wir viel Besuch von den Wushu – Liebhabern aus dem ganzen Land. Das hat mich sehr ermutigt. Man erwies mir großen Respekt. Während dieser großen Versammlung wurde wiederum das Taijiquan akzeptiert. Ein Redakteur für das Magazin Shaolin und Taiji  Herr 姜智 Jiang Zhi interviewte mich während jener Konferenz. Ich bedanke mich bei diesem Redakteur der sehr viel Energie und Zeit investierte, sowie vorbeikam und die gesamte Langfaust Form filmte. Wir wollen für das Land eine glückliche und schöne Zukunft. Verwendet diesen Schatz aus unserer Schatzkammer. Das 108er Langfaust Boxen soll dazu dienen die Gesundheit der Menschen auf der ganzen Welt zu wahren. Ich fühle mich einfach Großartig, senden sie diese kleine, diese unsrige Hoffnung, damit unser wunschloses Glück durch diesen großen Erfolg in Erfüllung geht.

  1. Chen Li Qing – Video Demonstration 1985 in Japan
  2. Chen Yong Fu – Video 108er Langfaust Form

Nachwort des Übersetzers

Frau Chen Li Qing ist die Tante von 陈沛山 Chen Pei Shan, 陈沛菊 Chen Pei Ju und 陈沛林 Chen Pei Lin die ebenfalls eine Zeitlang von ihr unterrichtet wurden. Von ihnen wird berichtet das die Unterweisungen bei ihr sehr streng aber auf gütige Weise abgehalten wurden. In den 90er Jahren wurde sie von Chen Pei Shan nach Japan eingeladen. Bei der Demonstration ihres Taijiquan gelangte sie hier zu großer Popularität. Sie galt auch als ein wandelndes Geschichtsbuch, indem gelebte Geschichte geschrieben stand. Am Ende des Interviews gab es einige verwirrende Aussagen von ihr die hier nicht in die Transkription eingeflossen sind. Wer so ein forderndes Leben durchlaufen hat, indem Krieg, Mao’s großer Sprung nach vorn und Psychokampanien der Kulturrevolution wüteten dem kann und darf man die Verwirrung in den letzten Lebensphase nicht als Manko anrechnen, sondern darf es als Resultat eines Aufopferungsvollen Lebens ansehen.

Jens Weinbrecht, vom 03. Februar 2020







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