Rückkehr der Kampfkünste in Chinas Gesellschaft – Teil 1

– Artikel von She Ying 佘颖 –

Der Economic Daily ist eine der großen Tageszeitungen und berichtet über die Kampfkünste in Chinas Gesellschaft. Es folgt eine Übersetzung aus der Wochenendbeilage vom 28.02.2016 mit Meisterin Chen Peiju 陈沛菊 und Hong Weiguo 洪卫国. Wir bekommen Einblick durch Zeitzeugen in China, wie es um die Kampfkunsttraditionen im Ursprungsland und bei den Ursprungsfamilien bestellt ist.


In der Tradition der Kampfkünste in China spielen bei der Übermittlung sowohl das Zivil-Gesellschaftliche als auch die materielle Kampfkunst eine Rolle. Es geht um Selbstkultivierung und Charakterbildung, die nicht nur auf einseitige Lebenspflege wie Gesundheit ausgerichtet sind. Im Taijiquan beginnen die meisten Menschen falsch und lernen die korrekten Prinzipien des Taijiquan nicht; selbst ihre Bewegungen sind fehlerhaft.

Meisterin Chen Peiju steht in der 12. Generation der Chen Taijiquan -Tradition, einem nationalen immateriellen Kulturerbe. Sie ist zierlich und trägt ihr langes, ergrauendes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt eine Brille mit Goldrand und spricht leise. Auf den ersten Blick wirkt sie nicht wie eine Kampfkunstmeisterin. Auf ihre kämpferischen Fähigkeiten angesprochen, lächelt sie nur und sagt:



„Kampfkunst lernt man nicht um zu Kämpfen.“


„Seit der Generation ihres Großvaters (vor 1937) hatte Chen Peiju‘s Familie Chenjiagou verlassen. Die Leidenschaft für Taijiquan jedoch lag ihnen im Blut. Sie selbst erzählt, dass sie schon den Spagat beherrschte, sobald sie laufen konnte. Noch bevor sie richtig sprechen konnte, klammerte sie sich an das Bein ihres Vaters und fragte ihn, ob sie die Ausdauer hätte, Taijiquan so zu üben wie ihre älteren Brüder und ihre Schwester. Taijiquan zu lernen ist anstrengend. In den kältesten Wintern Zhengzhous, wenn die Temperaturen auf -10 Grad Celsius sinken, trug sie kurzärmlige Kleidung, und der Schweiß tropfte ihr in Strömen auf den Boden. Noch schwerer war es jedoch mitanzusehen, wie die Kunst des Taijiquan, die sie ihr ganzes Leben lang praktiziert hatte, in Vergessenheit geriet. Und was noch bitterer ist: Auch der Boxstil, den sie ihr Leben lang trainiert hat, droht verloren zu gehen.


Jeder glaubt, dass Taijiquan-Meister viele Schüler hätten. In welchem Viertel gibt es nicht ein paar ältere Menschen, die Taijiquan oder das Taiji-Schwert üben? Genau das bereitet Chen Peiju jedoch die größten Sorgen: „Bei der Weitergabe der Kampfkunst geht es nicht nur um die Erhaltung der Gesundheit, sondern auch um die Pflege von Kampfkunst und Wissen, um die Entwicklung des Selbst und die Stärkung des Charakters. Die meisten beginnen falsch; sie haben die richtige Balance im Taijiquan überhaupt nicht gelernt. Selbst ihre Bewegungen sind fehlerhaft.“ Die Ausgangsposition im Taijiquan sieht beispielsweise so aus, als würde man die Hand heben und nach außen schieben. Aber so einfach ist es nicht. Während sie sprach, stand Chen Peiju auf, die Handfläche zur Nasenspitze gerichtet, und schob die Hand gerade zur Seite. „Die Nase ist die Trennlinie in der Körpermitte. Das Schieben aus der Körpermitte entspricht dem Geist des aufgerichtet sein im Taijiquan.“



Sie erklären es einfach, doch viele üben ihr ganzes Leben lang, ohne es zu verstehen. Deshalb lehnt sie auch die Fülle an Online-Video-Tutorials ab: „Sie wissen, was zu tun ist, aber nicht warum.“ Während sie sprach, kamen ihre Schüler herein. Alle waren groß und kräftig und keine Kinder mehr. Respektvoll sprachen sie sie als „Meisterin“ an. Zum Essen rollte der älteste Schüler zuerst eine gebratene Ente für seine Meisterin zusammen, bevor er sich selbst etwas nahm. „Die meisten meiner Schüler habe ich vor mehr als zehn Jahren aufgenommen“, sagte Chen Peiju. Sie zeigt auch Verständnis: „Damals haben sie drei Jahre lang fleißig bei mir gelernt, bevor sie überhaupt die Grundlagen beherrschten. Wer kann heute noch so viel von mir lernen? Und selbst wenn sie es lernen, haben sie keine Arbeit und können sich nicht selbst versorgen.“

Chen Peiju ist derzeit stellvertretende Leiterin des Henan Provincial Martial Arts Management Center. Sie gibt an, dass sie staatlich gefördert wird, doch keiner ihrer Schüler ist auf diese Förderung angewiesen. Früher versuchte sie sich selbst als Kampfkunstlehrerin und eröffnete eine Schule in Zhengzhou. Die jährliche Miete von 100.000 Yuan (ca. 13.000 €) konnte sie nur für ein paar Jahre aufbringen. Sie stellte fest, dass Eltern ihre Kinder lieber zum Taekwondo als zum Taijiquan schickten. Die älteren Menschen, die auf den öffentlichen Plätzen „Kampfkunst übten“, waren erst recht nicht bereit, dafür zu bezahlen. Chen Peiju rätselt:

“ Wie konnte Taijiquan zu einem Tanz auf öffentlichen Plätzen werden? “




Im Vergleich zu Meisterin Chen Peiju hat Hong Weiguo bezüglich der Kampfkünste in China Glück. Er besitzt eine Farm in Neuseeland und ist dort durch die Rinderzucht zum Multimillionär geworden. Seine wichtigste Rolle ist jedoch die eines Nachfolgers des Hong-Stil-Taijiquan. Er verbreitet diesen Stil in Neuseeland und hatte sogar den jetzigen Premierminister Neuseelands unter seinen Schülern.



J. Weinbrecht, vom 28.04.2026

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