Die „Hong Faust“ Hong Quan 紅拳 ist eine Familien Kampfkunst aus der Provinz Shaanxi 陕西. Sie lässt sich weit in die Geschichte zurückverfolgen und ist nicht mit dem verbreiteten Hung Gar (Hong Jia) 紅家 – Gongfu zu verwechseln. Tang Hao hatte bei seinen Forschungen zum Ursprung über das Taijiquan herausgefunden, dass die Hong Faust ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Herausbildung des Taijiquan gespielt hat. Dies kann in meiner Buchübersetzung « Der Faustkampf-Kanon von General Qi Ji Guang » nachgelesen werden. In alten Kampfkunstregistern des Chen-Klans werden die kleine und die große Hong Faust erwähnt. Außerdem gibt es heute zwei Hong Faust-Formen, die in Shaolin konserviert werden.
Hong Weiguo 洪卫国 lebt als Multimillionär in Neuseeland. Er gehört dem Stammbaum der Familie Hong an, nach der diese Kampfkunst benannt ist. Er ist ein Adoptiv-Enkel von Meister Hong Jun Sheng 洪均生. Hong Jun Sheng erlernte ab 1930 in Beijing sein Taijiquan bei Chen Fake 陳發科. Sein Taiji wird heute als Hong Stil Taijiquan weitergeführt, wobei das gelernte Chen Taijiquan unter eigenem Familiennamen tradiert wird. Gleichzeitig bemüht man sich, die alte Hong Faust als eigene Überlieferung zu restaurieren und wiederzubeleben.
– Ein Interview-Auszug mit Hong Weiguo –

„Ich glaube, Ausländer sind die besten Schüler“, sagte Hong Weiguo, sichtlich erfreut und zugleich etwas wehmütig. „Viele Chinesen lernen Taijiquan aus gesundheitlichen Gründen, Ausländer hingegen aus purem Interesse. Sie wollen Taijiquan wirklich verstehen und betrachten es als eine „chinesische Kampfkunst“. Hong Weiguo ist hochgebildet und kann die technischen Aspekte auch auf Grund seines Anglistikstudiums gut vermitteln.
Er ist der Ansicht damit Taijiquan den engen Kreis von Gesundheit und Fitness verlassen soll, um die positive Energie des Friedens und der Freundschaft der chinesischen Nation durch das Gleichgewicht von Yin und Yang in die Welt zu tragen.
Das traditionelle Lehrsystem von Hong Quan 红拳 (Faustkampf der Familie Hong) verändern
Indem man die Idee der direkten Überlieferung (Blutlinie Vater zum Sohn) zugunsten eines Nachfolgers aufgab und die Leitung denen überließ, die die Hong Faust verstehen, haben mehr Menschen erfahren, dass Hong Quan in der Heimatprovinz Shaanxi immer noch existiert.
Die Hong Faust verfügt über eine weit verbreitete Geschichte. „Die Armee der Qin-Dynastie nutzte Hong Quan als Trainingsmethode, und auch der „Faustkampf Kanon“ Quan Jing 拳經 von Ming-General Qi Jiguang in der Ming-Dynastie nahm Elemente der Hong Faust auf“, erklärte Shao Zhiyong, Präsident der Hong Quan-Kulturforschungsgesellschaft von Shaanxi. Dennoch hatte die Hong Faust kaum Kontakt zur Außenwelt. Während der Zeit der Republik China konnte die Hong Kampfkunst aufgrund der ständigen Kriege im Nordwesten nicht wahrgenommen werden. Sie geriet allmählich in Vergessenheit. Nach der Reform- und Öffnungspolitik (ab 1978) in der VR China geriet die Hong Faust in ländlichen Gebieten in eine schwere Krise; viele alte Waffen blieben zu Hause zurück und verrosteten.


Das Buch „Das Chen Stil Taijiquan von Hong Jun Sheng“, herausgegeben von seinem Nachfolger Jiang Jia Jun. Darin hält man sich noch mit Ausdrücken wie „Hong Taijiquan“ zurück. Im hier geführten Interview mit Hong Weiguo hat sich das bereits geändert.
Im Jahr 2007 gründeten Hong Quan-Begeisterte die Shaanxi Hong Quan-Kulturforschungsgesellschaft (红拳文化研究会), und die Hong Faust wurde durch das chinesischen Staatsfernsehens CCTV ausgezeichnet. Dies legte den Grundstein dafür, dass es 2008 zum nationalen immateriellen Kulturerbe erklärt wurde. Anders als andere lehnten die Hong Quan-Vertreter den Antrag auf den Titel „Nationaler Träger des immateriellen Kulturerbes“ ab. Sie beauftragten stattdessen die Shaanxi Hong Quan Kulturforschungsgesellschaft mit der Projektleitung. Im Anschluss wurden Ausbildungszentren gegründet und bewertet. Bei einer guten Bewertung konnte man die Plakette „Nationales Ausbildungszentrum für immaterielles Kulturerbe Hong Quan xxx“ erwerben. Mittlerweile gibt es fast hundert Zentren, die über die gesamte Provinz Shaanxi verteilt sind. Dadurch konnte die Attraktivität für jüngere Generationen gesteigert und das Selbstvertrauen der Traditionsträger der Hong Faust gestärkt werden.
Standardisierung und wissenschaftlicher Charakter
Um die Standardisierung und einen wissenschaftlichen Charakter der Hong Faust-Tradierung zu gewährleisten, hat die Kulturforschungsgesellschaft einfache Übungsreihen auf Basis der typischen 13 Hong Faust (红拳) – Positionen zusammengestellt und diese in verschiedenen Trainingszentren für junge Lernende etabliert. Gleichzeitig wurde Hong Kampfkunst in einigen Grund- und weiterführenden Schulen in Xi’an durch entsprechende Kampfkunstzentren gefördert. In Folge gab es dann groß angelegte Hong Faust-Wettkämpfe mit Zehntausenden von Teilnehmern. Dadurch wurde die Weitergabe dieser Kampfkunst an junge Menschen aktiv unterstützt. Einige Universitäten haben die Kampfkunst ebenfalls als Wahlfach in ihre Sportkurse aufgenommen. Somit entstand eine solide Grundlage für die Förderung und Weiterentwicklung dieser Kunst an Hochschulen.
2013 wurde der Preis für den „Meistvererbbaren Boxstil“ anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der *Chinesischen Kampfkünste* verliehen. In diesem Jahr trieb die Hong Quan-Forschungsgesellschaft die Etablierung eines eigenen Rangsystems für das Hong Faustboxen weiter voran. Shao Zhiyong ist dankbar und stolz: „Wir haben die traditionelle Nachfolge aufgegeben und die Verantwortung denen übertragen, die Hong Quan wirklich verstehen.“ Dadurch wissen nun mehr Menschen, dass Shaanxi neben der Terrakotta-Armee und Hammelsuppe auch die Hong Faust-Kampfkunst zu bieten hat.
Medialer Zeitgeist
Beeinflusst von Romanliteratur und Filmen in den Medien, haben die Kampfkünste weite Verbreitung gefunden. Dennoch ist die authentische Kampfkunstwelt zunehmend in Vergessenheit geraten; wahre Meister und Helden sind schwer zu finden. Sogenannte Kampfkunsttreffen dienen in Wirklichkeit der Tourismusförderung. In einer Kampfkunstschule wird es schwierig, deren Einzigartigkeit weiterzugeben, sobald ein Schüler sich von seinem Meister verabschiedet und den Berg verlässt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen – ganz zu Schweigen davon, einen Nachkommen mit außergewöhnlichem Talent zu finden. Wie können die chinesischen Kampfkünste dem Vergessen entgehen? Es hängt letztendlich von der aufrichtigen, harten Arbeit und Hingabe der Kampfkünstler selbst ab.


Das Buch „Die kleine Hong Faust von Shaolin“ beansprucht, ein weiterer Ableger der historischen Originalkampfkunst aus der Familie Hong zu sein. Unabhängig davon hat die Hong Faust vermutlich in jeder Kaiserdynastie Chinas unterschiedlich ausgesehen. In diesem Zusammenhang kann sie seit der Qin-Dynastie gewissermaßen als immer wieder „reinkarniert“ betrachtet werden.
Anmerkung:
In der Geschichte der Kampfkünste gab es immer wieder sogenannte „Gönner“. Sie stellten sich ins Rampenlicht, und rühmten sich, diese oder jene Kampfkunst verbreitet oder gar vor dem Aussterben bewahrt zu haben. Gerade in Taijiquan-Kreisen scheint dies keine Seltenheit zu sein. Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. So kam es früher vor, dass der Analphabetismus vieler Kampfkunstmeister ausgenutzt wurde, um sie im eigenen Interessen zu manipulieren. Dies wirkte sich auf die ersten überlieferten Schriftzeugnisse aus – von neokonfuzianischer Besserwisserei bis hin zu Erpressungsversuchen, wenn die Erben einer Kampfkunsttradition schlicht kein ausreichendes Einkommen mehr hatten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
J. Weinbrecht, vom 11.05.2026

